Kapitel 1: Staub, Stille und ein Auftrag
Der Himmel über New Coyote war so weit, dass er fast wehtat. Ein blasses Blau spannte sich über die Ebene, und die Sonne hing wie eine heiße Münze darüber. Der Wind schob Staub über die Hauptstraße, als wollte er die Fußspuren der Menschen gleich wieder wegwischen.
Mara Kerritt ritt langsam zwischen den niedrigen Häusern hindurch. Sie war keine, die laut lachte oder mit den Sporen klirrte, nur um gesehen zu werden. Sie trug ihren Hut tief, die Zügel locker in der Hand. Aber in ihren grauen Augen lag etwas Waches, als würde sie ständig rechnen: Wie weit ist es bis zum nächsten Wasser? Wo könnte Gefahr lauern? Wo ist ein Ausweg?
Vor dem Laden von Mrs. Donnelly stand der Postkutscher und schüttelte den Kopf. „Letzte Nacht wieder einer vom Weg abgekommen“, brummte er. „Die Furt am Rabbit Creek ist tückisch. Im Dunkeln sieht man nix als Pech.“
Mara band ihr Pferd an und trat in den Laden, wo es nach Kaffee, Seife und Leder roch. Hinter dem Tresen lehnte Sheriff Barlow, ein großer Mann mit einem Schnurrbart, der aussah wie ein wütender Besen.
„Mara“, sagte er, ohne sie zu begrüßen. „Du bist doch die, die immer die kleinen Sachen richtig macht.“
„Kleine Sachen halten große Dinge zusammen“, antwortete sie trocken.
Er zog ein zerknittertes Blatt hervor. „Der County will, dass der Weg nach Red Mesa sicherer wird. Zwei Unfälle in einer Woche. Und eine Familie ist gestern Abend nicht angekommen. Zu dunkel, zu viele Abzweige, zu viel Gerede von Geistern.“ Er schnaufte. „Wir brauchen Laternen am Weg. Abstände, Markierungen. Du kennst dich aus.“
Mara runzelte die Stirn. „Laternen. Wer bezahlt das Öl?“
„Die Stadt legt zusammen. Und…“ Barlow senkte die Stimme. „Es gibt noch was. Jemand schneidet nachts die Markierungsstäbe ab. Als ob er will, dass Leute verloren gehen.“
Mrs. Donnelly stellte eine Kiste mit Metalllaternen auf den Tresen. „Neu aus St. Louis. Stabil. Und hübsch genug, dass selbst ein Maultier stehen bleibt und guckt.“
Mara hob eine Laterne an. Sie war schwer, kalt und roch nach Öl. „Wie viele?“
„Zwölf“, sagte Barlow. „Bis zur Furt und weiter bis zum ersten Hügel. Reicht für den Anfang.“
Mara nickte langsam. In ihrem Bauch zog sich etwas zusammen, eine Mischung aus Pflicht und dieser kribbelnden Ahnung, dass es nicht nur um Laternen ging. „Ich mache es.“
Draußen wartete schon ihr Pferd, Juniper, braun wie geröstete Kastanien und klug genug, um beim Kartenspielen mitzuzählen. Mara lud die Kiste auf den Packsattel. Da räusperte sich jemand.
Ein Junge, vielleicht zwölf, mit Sommersprossen und einem Hut, der ihm viel zu groß war, stand daneben und hielt eine Blechdose fest. „Äh… Ma'am? Ich… ich heiße Luis.“
Mara musterte ihn. „Und du willst mir sagen, dass du zufällig gerade unterwegs bist, um Laternen aufzuhängen?“
Er grinste schief. „Nicht zufällig. Sheriff sagt, ich soll helfen. Weil ich klein bin und gut klettern kann. Und weil ich angeblich ‚zu neugierig‘ bin.“
„Neugier ist nicht das Schlimmste“, sagte Mara. „Aber sie muss ein gutes Seil haben, an dem sie hängt.“
Luis hob die Dose. „Ich hab Nägel.“
Mara seufzte, aber in ihren Augen blitzte etwas Warmes auf. „Gut. Dann reiten wir. Und du bleibst in meiner Sichtweite. Immer.“
„Jawohl, Ma'am“, sagte Luis und salutierte so ernst, dass Mara fast lachen musste.
Kapitel 2: Der Weg frisst Licht
Sie verließen New Coyote am Nachmittag. Die Ebene schimmerte, als läge ein unsichtbarer See aus Hitze darauf. Salbeisträucher dufteten würzig, und Zikaden knisterten in der Luft. Mara zählte im Kopf: alle paar hundert Schritte ein Pfahl, Laterne, Öl, Zündstein. Wiederholen. System gegen Dunkelheit.
„Warum willst du das machen?“, fragte Luis nach einer Weile. Er ritt auf einem mageren Pony, das aussah, als hätte es schon zu viele schlechte Witze gehört.
Mara zuckte mit den Schultern. „Weil Menschen nach Hause finden sollen.“
„Klingt… einfach.“
„Einfach ist selten“, sagte Mara. „Aber oft sinnvoll.“
Beim ersten Abzweig steckten sie einen neuen Pfahl in die harte Erde. Mara hob den Hammer, schlug ruhig, gleichmäßig. Jeder Schlag klang wie ein Punkt in einem Satz. Luis hielt die Laterne, die Hände leicht zitternd vor Aufregung.
— „Nicht zu hoch“, sagte Mara. „Der Wind reißt dir sonst die Flamme raus.“
— „Und nicht zu niedrig“, antwortete Luis sofort. „Sonst knallt ein Pferd dagegen.“
Mara nickte. „Du lernst schnell.“
Sie arbeiteten sich voran. Die Sonne sank, und die Schatten wurden lang und blau. Als Mara das Öl in die Laterne goss, kam eine Reitergruppe von Westen. Drei Männer, breit in den Schultern, die Hüte tief. Einer pfiff leise.
„Na, na“, sagte der vorderste, und seine Stimme klebte wie Honig an einer Mausefalle. „Was wird denn das hier? Ein Lichterfest?“
Mara stellte die Laterne ab, ohne sich zu beeilen. „Ein sicherer Weg.“
„Sicher wofür?“, fragte der Mann und grinste. „Für Leute, die nachts unterwegs sind? Manche Dinge sollten im Dunkeln bleiben.“
Luis machte einen Schritt zurück. Mara bemerkte es und stellte sich ein wenig vor ihn, als wäre das ganz zufällig.
„Wir halten uns an den Auftrag der Stadt“, sagte sie. „Wenn ihr weiterreiten wollt, ist der Weg groß genug für alle.“
Der Mann beugte sich vor, seine Augen schmal. „Name?“
„Mara“, sagte sie. Mehr nicht.
Er lachte leise. „Ich bin Hank Weller. Merkt dir das. Und pass auf, dass deine Lämpchen nicht… umfallen.“
Die drei ritten weiter, Staub wirbelte hinter ihnen auf. Luis schluckte. „Die waren… nicht nett.“
„Nicht nett ist noch freundlich“, sagte Mara. Sie kniete sich hin und prüfte den Pfahl. „Wenn jemand will, dass man sich verirrt, dann sind Laternen eine Einladung. Und Einladungen ziehen Gäste an.“
„Was machen wir dann?“
Mara zog ein dünnes Drahtseil aus der Satteltasche. „Wir befestigen die Laternen zusätzlich. Und wir merken uns, wer uns droht.“
Als die Dämmerung kam, flammte die erste Laterne auf. Warmes Licht sprang über den staubigen Boden, als hätte jemand ein Stück Kaminfeuer in die Wildnis gestellt. Mara sah, wie Luis' Gesicht im Schein aufleuchtete.
„Sieht aus wie… Hoffnung“, murmelte er.
Mara sah in die Weite, wo die Nacht bereits schwarze Finger ausstreckte. „Hoffnung braucht Nachschub. Weiter.“
Kapitel 3: Der Canyon, der flüstert
Am nächsten Morgen zog ein kalter Wind vom Norden her. Er roch nach Stein und nach etwas Metallischem, als hätte die Welt eine Münze zwischen den Zähnen. Der Weg wurde enger, führte zu einem niedrigen Canyon, dessen Wände rot und zerfurcht waren.
Luis rieb sich die Arme. „Hier sagen alle, es spukt.“
Mara schnaubte. „Spuken ist nur ein Wort für Dinge, die wir noch nicht verstanden haben.“
Im Canyon war es still, zu still. Sogar Junipers Hufe klangen gedämpft, als würde der Boden lauschen. Sie setzten zwei Laternen an geschützten Stellen, wo der Wind sie nicht sofort ausblasen konnte. Mara suchte nach Spuren: Hufabdrücke, abgeschnittene Pfähle, Fußtritte.
Plötzlich blieb Juniper stehen. Die Ohren nach vorn, der Körper angespannt.
— „Was ist los, Mädchen?“, flüsterte Mara und folgte ihrem Blick.
Ein schwaches Klirren kam von oben. Dann rutschte ein Stein den Hang hinunter, sprang, rollte und blieb direkt vor Luis' Pony liegen. Das Pony scheute. Luis juchzte erschrocken, aber Mara packte die Zügel und beruhigte es.
„Da ist jemand“, sagte sie leise.
Luis' Augen wurden groß. „Geist?“
„Ein Geist würde nicht so schlecht werfen“, murmelte Mara. Sie griff nach ihrem Lasso, nicht um jemanden zu fangen, sondern um bereit zu sein. „Luis, bleib hinter mir.“
Sie gingen weiter, langsam. Im nächsten Moment sauste etwas durch die Luft—ein weiterer Stein. Mara duckte sich, spürte den Windhauch an der Wange. Der Stein traf die Canyonwand und zerbarst.
— „Runter!“, rief Mara.
Sie zog Luis vom Pony und drückte ihn hinter einen Felsvorsprung. Juniper blieb erstaunlich ruhig, als wüsste sie, dass Panik nur mehr Zielfläche machte.
Mara sah hinauf. Auf einem Absatz stand eine Gestalt, klein, mit einem Schal vor dem Gesicht. Kein Mann wie Hank Weller. Eher ein Jugendlicher. Die Gestalt zögerte, als hätte sie nicht erwartet, dass jemand so schnell reagiert.
Mara hob die Hand, offen. „Hör auf! Wir wollen keinen Streit.“
Die Gestalt erstarrte. Dann rannte sie los, verschwand zwischen den Felsen.
Luis keuchte. „Das war… ein Kind?“
„Vielleicht“, sagte Mara. Sie stand langsam auf und klopfte Staub von der Hose. „Oder jemand, der nicht erwachsen genug ist, um für seine Pläne geradezustehen.“
Sie kletterten vorsichtig den Hang hinauf. Oben fanden sie keine Person mehr, aber Spuren: kleine Stiefelabdrücke, ein Stück Stoff, und—Mara kniff die Augen zusammen—ein abgebrochener Laternenhaken.
„Die sabotieren nicht nur Pfähle“, sagte sie. „Die stehlen Material.“
Luis hob den Stoff auf. „Der ist… bunt. So wie die Tücher bei der neuen Händlerfamilie. Die aus dem Süden.“
Mara erinnerte sich: Eine Familie, die erst vor kurzem angekommen war. Sie sprachen anders, kochten anders, lachten lauter. Manche Leute im Ort hatten die Lippen zusammengepresst, als wäre fremdes Essen gefährlich.
„Offen bleiben, Mara“, dachte sie. „Nicht vorschnell urteilen.“
Sie steckte den Stoff ein. „Wir reden später. Erst müssen wir hier raus, bevor noch mehr Steine fliegen.“
Als sie den Canyon verließen, sah Mara am Himmel einen Bussard kreisen. Er zog seine Kreise geduldig, als hätte er alle Zeit der Welt. Mara dagegen spürte: Die Zeit war gerade dabei, knapp zu werden.
Kapitel 4: Rauch über Rabbit Creek
Gegen Abend erreichten sie Rabbit Creek. Normalerweise war es ein freundlicher Bach, der über Kiesel murmelte. Heute war das Wasser hoch, braun und schnell. Ein Regen weit oben musste ihn gefüttert haben.
Auf der anderen Seite stand etwas Dunkles im Schilf. Als Mara näher ritt, erkannte sie es: ein umgestürzter Wagen, ein Rad in der Luft wie eine hilflose Hand. Daneben lag eine zerrissene Decke.
Luis schlug die Hände vor den Mund. „Die Familie…?“
Mara sprang ab, lief zum Ufer. Spuren führten vom Wagen weg, hastig, aber nicht chaotisch. Niemand lag im Wasser. Das war gut. Und doch roch es nach Rauch.
Sie folgte dem Geruch und entdeckte hinter ein paar Weiden ein kleines, verstecktes Feuer. Dort saßen Menschen: ein Mann mit einem Verband am Arm, eine Frau, die ein Kleinkind hielt, und ein Mädchen in Luis' Alter. Ihre Gesichter waren erschöpft und misstrauisch, als hätten sie schon zu oft fremde Blicke gesehen.
Mara hob beide Hände. „Wir sind aus New Coyote. Wir haben euren Wagen gefunden.“
Der Mann antwortete mit schwerem Akzent. „Wir… wir wollten nach Red Mesa. Dann… der Fluss. Rad kaputt.“
Luis trat vor, die Blechdose schaukelte an seiner Seite. „Wir haben Laternen dabei. Für den Weg. Damit man… nicht—“
Das Mädchen unterbrach ihn, scharf: „Damit man uns besser findet?“
Mara spürte den Stich in der Stimme. Angst, die sich wie Wut verkleidet hatte.
„Damit jeder den Weg findet“, sagte Mara ruhig. „Egal wer.“
Die Frau sah Mara direkt an. Ihre Augen waren dunkel und fest. „Im Ort… manche wollten nicht, dass wir kommen. Sie sagten, wir seien… anders.“
Luis wurde rot. „Ihr seid doch nur… Menschen.“
Das Mädchen schnaubte. „Das sagen nicht alle.“
Mara setzte sich langsam auf einen Stein, damit sie nicht über ihnen stand. „Ich heiße Mara. Das ist Luis. Wir hängen Laternen auf, weil nachts Leute sterben können, wenn sie die Furt verpassen. Und jemand sabotiert die Markierungen.“
Der Mann zuckte zusammen. „Sabotiert? Wer?“
Mara zog das Stück bunten Stoffes hervor. „Ich fand das im Canyon. Ich wollte nicht gleich denken, es gehört euch. Aber ich will ehrlich sein: Es sieht ähnlich aus wie eure Tücher.“
Das Mädchen sprang auf. „Du denkst, wir waren das?“
„Ich denke gar nichts, bevor ich mehr weiß“, sagte Mara. „Das ist der Unterschied zwischen Angst und Verstand.“
Luis scharrte mit dem Stiefel im Sand. „Wer hat denn eure Sachen genommen?“
Die Frau hielt das Kind fester. „Letzte Nacht kamen Männer. Drei. Einer mit Schnurrbart. Sie sagten, wir sollen verschwinden. Sie rissen uns eine Laterne weg, die wir am Wagen hatten.“
Mara spürte, wie ihr Nacken heiß wurde. Schnurrbart. Drohende Stimme. Hank Weller.
Sie atmete langsam aus. „Ich kenne ihn.“
Der Mann sah sie an. „Dann… hilft ihr uns?“
Mara stand auf. „Ja. Aber wir machen das klug. Der Fluss ist hoch. Wir bringen euch bei Licht rüber. Und wir setzen eine Laterne direkt an die Furt, so dass man die Strömung sieht.“
Luis grinste plötzlich, als hätte er einen Funken gefangen. „Und dann sieht Hank Weller, dass er nicht die ganze Welt ausknipsen kann.“
Mara legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. „Mut ist gut. Aber Mut ohne Plan ist nur Lärm.“
Mit Seilen, Geduld und Junipers ruhigem Stand schafften sie es, den Wagen teilweise zu sichern und die Menschen über eine flachere Stelle zu führen. Mara setzte den Laternenpfahl tief in den Boden, wickelte Draht darum, doppelt und dreifach.
Als die Laterne brannte, glitzerte das Wasser wie zerrissenes Glas. Man konnte die gefährlichen Strudel erkennen, bevor man hineintrat. Das Licht machte den Fluss nicht weniger wild—aber weniger heimtückisch.
Das Mädchen sah zu und flüsterte: „Vielleicht… ist Licht doch nicht immer eine Falle.“
Mara antwortete leise: „Nur, wenn wir es gemeinsam schützen.“
Kapitel 5: Die Nacht, in der die Laternen sangen
Sie lagerten in einer Mulde, geschützt vor Wind. Der Himmel war voller Sterne, so viele, dass Luis behauptete, jemand hätte eine Tüte Nägel verschüttet.
Die fremde Familie—sie stellte sich als die Familie Alvarez vor—teilte Fladenbrot und süßen, starken Tee. Luis staunte über den Geschmack.
„Schmeckt wie… Weihnachten und Pfeffer gleichzeitig“, meinte er.
Das Mädchen, Alma, lächelte zum ersten Mal. „Du redest komisch.“
„Du auch“, gab Luis zurück. Dann kicherten beide, und die Spannung fiel ein Stück ab, als hätte jemand eine zu straffe Schnur gelöst.
Mara beobachtete sie. Offenheit passierte nicht, weil man ein schlaues Wort sagte. Offenheit passierte, wenn man zusammen fror, zusammen lachte, zusammen ein Problem löste.
Später, als alle schliefen, hörte Mara ein leises Knacken. Nicht das Holz im Feuer. Etwas anderes. Juniper hob den Kopf.
Mara griff nach dem Gewehr, blieb aber ruhig. Sie schlich zur Laterne an der Furt. Im Lichtschein sah sie Schatten zwischen den Weiden: drei Männer. Hank Weller vorne.
— „Da ist sie“, flüsterte Hank. „Die Laternenfrau. Mach aus, was sie anmacht.“
Mara stellte sich so, dass sie im Licht stand, nicht im Dunkeln. „Gute Nacht, Hank. Suchst du was?“
Die Männer zuckten zusammen, als hätten sie gehofft, dass Licht auch Geräusche schluckt.
Hank spuckte aus. „Du mischst dich ein. Die Leute sollen lernen, hier nicht rumzufahren. Dieser Weg gehört denen, die ihn kennen.“
„Der Weg gehört niemandem“, sagte Mara. „Nur die Gefahr gehört jedem, der sie ignoriert.“
Einer der Männer schlich zum Pfahl und zog ein Messer.
Mara hob die Stimme, klar wie ein Schuss—ohne zu schreien: „Luis! Alma!“
Im Lager raschelte es. Schritte. Die Familie Alvarez kam, der Vater mit einer Fackel. Luis hielt einen Hammer, als wäre es ein berühmtes Schwert.
Hank kniff die Augen zusammen. „Was, du hast dir fremde Hilfe geholt?“
Mara lächelte dünn. „Ich habe Nachbarn geholt.“
Alma stellte sich neben Mara, die Fackel hoch. „Ihr habt uns bedroht“, sagte sie. Ihre Stimme zitterte, aber sie hielt stand. „Ihr habt unsere Sachen genommen.“
Hank lachte hart. „Beweise?“
Luis hob die Blechdose. „Nägel. Und außerdem: Ich hab eure Spuren im Canyon gesehen. Kleine Stiefel. Einer von euch hat 'nen Sohn oder kleinen Bruder, was? Der wirft schlecht.“
Der dritte Mann fluchte leise. Hank drehte den Kopf, blitzschnell. Für einen Moment verriet sein Blick, dass Luis getroffen hatte.
Mara nutzte die Sekunde. Sie trat einen Schritt vor, nicht aggressiv, aber bestimmt. „Ihr lasst die Laternen in Ruhe. Und ihr bringt zurück, was ihr gestohlen habt. Sonst reite ich vor Sonnenaufgang nach New Coyote und erzähle dem Sheriff, dass ihr Menschen absichtlich in Gefahr bringt.“
Hank spuckte wieder aus, diesmal näher an ihre Stiefel. „Du glaubst, der Sheriff hört auf dich?“
„Er hört auf Fakten“, sagte Mara. „Und auf Tote. Wenn du willst, dass es so weit kommt, dann mach weiter.“
Wind strich durch die Weiden, und die Laternenflamme flackerte. In diesem Flackern wirkte Hanks Gesicht plötzlich weniger groß. Eher… nervös.
Der Mann mit dem Messer steckte es weg. „Hank, komm. Das lohnt nicht.“
Hank starrte Mara an, als wollte er sie in die Erde drücken, nur mit Blicken. Dann hob er die Hand, ein ruckartiges Zeichen. „Wir sind nicht fertig.“
„Vielleicht“, sagte Mara. „Aber heute Nacht seid ihr weg.“
Die Männer verschwanden in der Dunkelheit. Das Licht blieb.
Luis atmete laut aus. „Mein Herz ist gerade gerannt, ohne mich zu fragen.“
Mara ließ die Schultern sinken. „Deins? Meins auch.“
Alma sah Mara an. „Du hattest Angst.“
Mara nickte. „Mut heißt nicht, keine Angst zu haben. Mut heißt, trotzdem nicht wegzulaufen.“
Alma zog den Schal enger. „Dann… will ich auch mutig sein.“
Mara legte ein Stück Holz nach. „Dann fang damit an, morgen mit uns Laternen aufzuhängen.“
Kapitel 6: Karierte Decke unter weitem Himmel
Der nächste Tag war hell und klar. Der Wind hatte die Nachtgefahr weggeblasen, aber nicht die Verantwortung. Mara, Luis, Alma und sogar Almas Vater arbeiteten zusammen. Sie setzten Pfähle, spannten Draht, füllten Öl nach. Die Laternen standen nun wie eine leise Reihe warmer Augen in der Landschaft.
Als sie den letzten Pfahl am ersten Hügel setzten, blieb Mara stehen und schaute zurück. Von hier aus konnte man die Punkte des Lichts bis zur Furt erkennen, wie einen sicheren Gedanken, der sich durch die Wildnis zog.
Luis wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Wenn Hank Weller das wieder kaputt macht, dann… dann—“
„Dann bauen wir es wieder auf“, sagte Mara. „Und jedes Mal schneller.“
Alma grinste. „Und wir machen es schöner.“
Am späten Nachmittag kehrten sie nach New Coyote zurück. Diesmal wirkte die Hauptstraße weniger grau. Vielleicht, weil Mara wusste, dass Menschen draußen nicht mehr ganz im Dunkeln waren.
Sheriff Barlow kam ihnen entgegen, die Hände an den Gürtel gelegt. „Ich hab gehört, ihr habt Ärger gehabt.“
Mara nickte. „Hank Weller. Er will den Weg unsicher halten.“
Barlow zog die Augenbrauen hoch, als hätte er es geahnt und trotzdem gehofft, sich zu irren. „Ich kümmere mich drum.“
Mrs. Donnelly trat aus dem Laden und rief: „Bevor ihr euch wieder in Gefahren stürzt—Essen!“
Auf dem Platz vor dem Laden breitete sie eine große karierte Decke aus, rot-weiß, wie ein Stück fröhlicher Ordnung in einer staubigen Welt. Darauf stellte sie Brot, Bohnen, getrocknetes Obst und einen Topf Eintopf, der nach Pfeffer und Zuhause roch.
Menschen kamen dazu: der Postkutscher, zwei Rancherinnen, ein alter Mann mit einer Mundharmonika. Auch die Familie Alvarez setzte sich, erst zögernd, dann entspannter. Luis rückte ein Stück zur Seite, damit Alma Platz hatte.
— „Ist das… für uns?“, fragte Almas Mutter leise.
— „Für alle“, sagte Mrs. Donnelly und zwinkerte. „Wer Hunger hat, ist hier richtig. Und wer keinen hat, kann ja so tun.“
Lachen ging über die Decke wie eine Welle. Der alte Mann spielte ein schiefes, aber tapferes Lied, und jemand klatschte im Takt, obwohl er ihn nicht ganz traf.
Mara saß am Rand, Juniper graste in der Nähe. Luis stopfte sich Brot in den Mund und redete trotzdem. Alma erzählte von ihrem alten Zuhause, von warmen Nächten und lauten Märkten. Ein Rancher hörte zu, erst skeptisch, dann neugierig.
Mara spürte etwas, das sich selten so deutlich zeigte: dass Offenheit nicht bedeutete, alles gleich zu finden. Offenheit bedeutete, zuzuhören, bis aus „die da“ ein Name wurde. Bis aus Misstrauen ein Gespräch wurde. Bis aus einem dunklen Weg eine Reihe Laternen wurde.
Luis stieß Mara mit dem Ellbogen an. „Du bist gar nicht so still, weißt du.“
Mara hob eine Augenbraue. „Ich rede, wenn's wichtig ist.“
„Und war es wichtig?“, fragte Luis und deutete auf die Decke, die Menschen, das Essen.
Mara sah in die Runde. Die karierte Decke war voller Hände, unterschiedlicher Hautfarben, unterschiedlicher Narben, unterschiedlicher Geschichten. Aber alle griffen nach denselben warmen Schüsseln.
„Ja“, sagte Mara. „Das hier ist wichtig.“
Am Rand des Platzes flackerte die erste Laterne von New Coyote im Abendwind. Sie brannte ruhig, als hätte sie verstanden, wofür sie da war: nicht nur, um den Weg zu zeigen, sondern um Menschen daran zu erinnern, dass man im Licht besser zusammenfindet.