Anfang: Eine Idee, die kitzelt
Heute Morgen saß Ben, ein junger Mann mit ruhigen Augen und einer wilden Stirnlocke, an seinem kleinen Tisch am Fenster. Neben ihm stand eine Tasse Kakao, und auf dem Tisch lagen Schere, Klebeband und ein Stapel Pappe.
Ben hatte ein Notizbuch. Darauf stand: „Ben's Erfinder-Heft“. Er tippte mit dem Stift an seine Nase und murmelte: „Ich brauche etwas, das den Tag… hupft.“
„Hupft?“ fragte Frau Klee von nebenan durchs offene Fenster. Sie goss gerade Blumen und hörte alles, weil sie sehr gute Ohren hatte.
Ben lächelte höflich. „Ja. Etwas, das schlechte Laune wegkitzelt. Ich erfinde… die Kicher-Kiste!“
„Eine Kiste, die kichert?“ Frau Klee blinzelte.
„Nicht nur kichert!“ Ben hob den Finger, ganz ernst. „Sie macht auch: plopp, zipp und… pffff!“
Da klopfte es an der Tür. Es war Mira, fünf Jahre alt, mit zwei Zöpfen und einem Stoffhasen unterm Arm. Sie kam oft vorbei, weil Ben immer spannende Sachen baute.
„Ben! Was machst du?“ fragte sie.
Ben beugte sich zu ihr. „Geheim-Erfinder-Sache. Ich baue eine Kicher-Kiste. Wenn jemand traurig ist, sagt man nur: ‚Kicher-Kiste, bitte!‘ und zack—“
„Und zack?“ Mira machte große Augen.
„Dann kommt ein lustiger Überraschungs-Kitzel heraus.“ Ben nickte so ernst, als ginge es um eine Mondrakete.
Mira stellte den Hasen auf den Tisch. „Darf der Hase gucken? Der lacht nur leise.“
„Der Hase ist willkommen,“ sagte Ben feierlich. „Aber: Sicherheits-Regel Nummer eins: Wir lachen niemanden aus. Wir lachen nur MIT.“
Mira nickte. „Mit. Versprochen.“
Ben schlug sein Notizbuch auf und zeigte eine Zeichnung: eine Pappkiste mit einem Trichter oben, einem Rad an der Seite und drei Knöpfen. Auf den Knöpfen stand: „Kitzel“, „Quatsch“ und „Pups?“.
Mira prustete. „Warum Pups?“
Ben räusperte sich. „Weil manche Tage… pupsen einfach. Dann muss man gegenpupsen. Also mit einem freundlichen Pups-Geräusch, nicht mit echtem.“
Mira lachte schon ein bisschen. „Das ist sehr klug.“
Mitte: Pappe, Klebeband und ein frecher Mini-Rebound
Ben nahm die größte Pappe. „Wir bauen zuerst den Bauch der Kiste.“ Er schnitt, faltete und klebte. Das Klebeband machte dabei „rrrtsch“, was Ben „die Erfinder-Sprache“ nannte.
Mira durfte Knöpfe aus Pappkreisen ausschneiden. Sie malte ihnen Gesichter: Der „Kitzel“-Knopf bekam Sommersprossen. Der „Quatsch“-Knopf bekam eine Zunge. Der „Pups?“-Knopf bekam sehr ernste Augen.
„Damit er nicht zu albern wird,“ erklärte Mira.
Ben baute einen Trichter aus einer alten Cornflakes-Schachtel. „Hier hinein kommen die Wörter. Gute Wörter, lustige Wörter, Mut-Wörter.“
„Mut-Wörter?“ Mira legte den Kopf schief.
„Zum Beispiel: ‚Du schaffst das‘ oder ‚Ich probiere es nochmal‘,“ sagte Ben. „Die Kiste mischt sie mit Kichern.“
Sie arbeiteten so konzentriert, dass sogar die Uhr leiser tickte. Dann war die Kicher-Kiste fertig: eine Pappkiste mit Trichter, Rad und drei Knöpfen. An der Seite klebte ein Schild: „Bitte freundlich bedienen“.
Ben setzte sich gerade hin. „Jetzt brauchen wir den Motor.“
Mira sah sich um. „Wo ist der Motor?“
Ben zeigte auf sein Herz. „Hier. Und ein bisschen in der Nase.“
„In der Nase?“
„Na klar. Ohne Nase kein ‚hatschii‘, und ohne ‚hatschii‘ keine Überraschung.“ Ben holte eine kleine Feder und kitzelte sich selbst unter der Nase. „Hatsch—“
„Warte!“ rief Mira. „Nicht niesen auf die Kiste!“
Zu spät. „HATSCHIII!“ Ben nieste so kräftig, dass die Pappkiste wackelte. Ein Pappknopf sprang ab und kullerte über den Boden.
Der Hase fiel um. Mira hielt den Atem an.
Ben blieb ruhig. Er hob den Knopf auf wie einen Schatz. „Das war… Test Nummer eins. Ergebnis: Knopf-Flucht.“
Mira starrte auf den Boden. „Ist die Kiste jetzt kaputt?“
„Nein,“ sagte Ben freundlich. „Sie hat nur gelernt, wie man rennt. Das ist auch Wissen.“ Er klebte den Knopf wieder an, diesmal mit doppelt so viel Klebeband. „Erfinder-Regel Nummer zwei: Wenn etwas abfällt, ist das keine Katastrophe. Das ist ein Hinweis.“
Mira nickte langsam. „Hinweis. Wie eine Spur.“
„Genau! Und jetzt testen wir vorsichtig.“ Ben drehte am Rad. Es machte „knurk-knurk“, als würde ein Keks über Kiesel rollen.
Mira hielt ihren Hasen hin. „Der Hase ist manchmal schüchtern. Kann die Kiste ihm helfen?“
„Natürlich.“ Ben beugte sich zum Trichter. „Liebe Kicher-Kiste, bitte eine kleine Portion Mut.“
Mira flüsterte auch hinein: „Bitte.“
Ben drückte den „Kitzel“-Knopf.
Drinnen raschelte etwas: „schrapp-schrapp“. Dann kam aus einer kleinen Klappe vorne… ein Papierstreifen heraus. Darauf stand mit Miras Filzstift: „DU SCHAFFST DAS!“
Mira quietschte. „Sie hat's gehört!“
Ben hob die Augenbrauen. „Sie hat's… geschrieben. Sehr verdächtig.“
Mira kicherte. „Vielleicht wohnt eine Mini-Maus drin.“
„Oder ein Mini-Schreiberling,“ sagte Ben. „Aber warte, der wichtigste Test kommt: der Quatsch-Test.“
Er drückte den „Quatsch“-Knopf.
Die Kiste machte: „Plopp!“ Dann: „Zipp!“ Dann: „Pffff!“ Und plötzlich sprang oben aus dem Trichter ein kleiner Papp-Vogel hervor, an einem Faden. Er klapperte mit dem Schnabel und sagte mit Bens Stimme: „Guten Tag, ich bin Herr Schnabel, ich esse nur… Marmeladen-Luft!“
Mira fiel fast vom Stuhl vor Lachen. „Marmeladen-Luft gibt es doch gar nicht!“
„Eben,“ sagte Ben zufrieden. „Deshalb ist sie so leicht.“
Da passierte der Mini-Rebound: Der Papp-Vogel flatterte zu wild. Der Faden wickelte sich um das Rad. Das Rad drehte schneller. Die Kiste begann zu rütteln, als würde sie tanzen.
„Oh oh,“ sagte Mira. „Sie tanzt ohne Musik!“
Ben blieb ruhig, aber seine Stirnlocke wackelte. „Erfinder-Regel Nummer drei: Wenn etwas tanzt, gib ihm einen Rhythmus.“ Er klatschte: „Klatsch, klatsch!“
Mira klatschte mit. „Klatsch, klatsch, klatsch!“
Frau Klee steckte den Kopf durchs Fenster. „Was ist denn hier los?“
„Kisten-Tanz!“ rief Mira.
Ben rief: „Ganz ungefährlich! Eher… sehr albern!“
Die Kiste rüttelte noch einmal, dann blieb sie stehen. Aus der Klappe kam ein zweiter Papierstreifen: „PAUSE MACHEN IST SCHLAU.“
Ben las es und nickte. „Die Kiste hat recht.“
Mira setzte sich auf den Boden und streichelte den Hasen. „Ich mag die Kiste. Sie ist komisch und klug.“
Ben stellte die Kiste vorsichtig aufrecht. „Und jetzt fehlt nur noch das letzte: der ‚Pups?‘-Knopf.“
Mira grinste. „Darf ich?“
„Bitte,“ sagte Ben.
Mira drückte den Knopf mit einem feierlichen Finger.
Die Kiste sagte: „Pffff… pffff…“ dann kam ein winziges „tüt!“ hinterher, wie eine sehr höfliche Tröte. Dazu fiel ein Konfetti-Stern aus Papier heraus.
Mira lachte. „Das ist der freundlichste Pups der Welt!“
Ben verbeugte sich vor der Kiste. „Sie hat Manieren.“
Ende: Ein heller Horizont im Fenster
Später saßen Ben und Mira auf der Fensterbank. Die Kicher-Kiste stand zwischen ihnen, ein bisschen schief, aber stolz. Draußen wurde der Himmel langsam orange, wie Pfirsich-Eis.
Mira schaute auf die Straßenlaternen. „Ben, warum baust du solche Sachen?“
Ben überlegte. Er nahm sein Notizbuch und schrieb langsam: „Weil Fragen Türen sind.“ Dann sagte er: „Wenn ich neugierig bin, wird die Welt größer. Und wenn etwas schiefgeht, wird mein Kopf nicht klein, sondern… er denkt weiter.“
Mira nickte. „Ich bin auch neugierig. Darf ich morgen eine Erfinderin sein?“
„Unbedingt.“ Ben zeigte auf die Kicher-Kiste. „Du hast heute schon geholfen. Du hast Knöpfe gemacht, Mut-Wörter geflüstert und den Kisten-Tanz gerettet.“
Mira strahlte. „Ich habe den Tanz gerettet!“
Frau Klee rief von nebenan: „Und ich habe mitgelacht! Das war das Beste Gießen meines Lebens.“
Ben lachte leise. „Siehst du? Die Kicher-Kiste wirkt sogar durchs Fenster.“
Mira drückte noch einmal den „Kitzel“-Knopf, ganz sanft. Ein letzter Zettel kam heraus: „NEUGIER IST WIE EINE TASCHENLAMPE.“
Ben hielt den Zettel gegen das Fenster. Das Abendlicht schien hindurch, und der Satz leuchtete warm.
Mira flüsterte: „Der Horizont wird hell.“
Ben nickte. „Ja. Wenn man Fragen hat und etwas baut, wird es im Kopf und draußen ein bisschen heller.“
Die Kicher-Kiste stand still, als würde sie zufrieden schnurren. Und während der Himmel weiter aufklarte, wussten Ben und Mira: Morgen gibt es neue Fragen. Und bestimmt auch neue, sehr höfliche „tüt!“-Geräusche.