Kapitel 1: Drei Zettel, ein Geheimnis
Mira klebte am Kühlschrank eine Liste fest, als wäre sie ein wichtiges Staatsdokument. „Kerzen: ja. Musik: ja. Versteck: vielleicht“, murmelte sie und zog den Filzstift so entschlossen über das Papier, dass er leise quietschte.
„Du tust so, als würdest du eine Raumstation starten“, sagte Leni und balancierte eine Schüssel Popcorn auf der Hand.
„Eher eine Geburtstagstation“, antwortete Mira. „Heute wird Nelas Geburtstag. Und er soll unvergesslich werden.“
Nela saß am Tisch und tat so, als würde sie Mathehausaufgaben machen. Das war ihre offizielle Tarnung. In Wirklichkeit lauschte sie, wie ihre zwei besten Freundinnen flüsterten, tuschelten und viel zu unschuldig grinsten.
„Ich höre euch“, sagte Nela, ohne aufzusehen.
„Wir… äh… üben Theater“, sagte Leni sofort.
„Ja“, ergänzte Mira. „Das Stück heißt: ‘Die erstaunlich unauffällige Überraschung'.“
Nela hob eine Augenbraue. „Klingt spannend. Wer spielt die Hauptrolle?“
„Du natürlich“, sagte Leni. „Du musst nur… nichts merken.“
Nela lachte. „Dann bin ich perfekt besetzt.“
Auf dem Tisch lagen drei kleine Zettel, jeder mit einem Wunsch darauf. Mira hatte sie gestern in die gemeinsame „Wunsch-Box“ gesteckt – eine alte Keksdose mit Astronauten drauf. Die Mädchen hatten sich versprochen: Jeder schreibt einen Geburtstagswunsch, aber niemand liest die Zettel der anderen. Geheimnisse machten das Ganze größer, glänzender, wie Geschenkpapier mit Sternen.
„Und was wünschst du dir?“, fragte Leni plötzlich.
Nela klappte ihr Heft zu. „Wenn ich's sage, ist es kein Wunsch mehr. Außerdem…“ Sie zuckte mit den Schultern. „…ich hab schon alles Wichtige.“
Mira legte den Filzstift weg und sah Nela an. „Alles?“
Nela grinste. „Zwei Freundinnen, die so tun, als könnten sie Geheimnisse behalten. Mehr braucht man nicht.“
Leni prustete. „Hey! Wir können Geheimnisse. Wir sind sehr… geheim.“
In diesem Moment klopfte es an der Wohnungstür. Ein vorsichtiges „Hallo?“ schwebte in den Flur, als hätte es Angst, im falschen Stockwerk gelandet zu sein.
Mira und Leni erstarrten wie zwei Figuren in einem Brettspiel, das jemand aus Versehen geschüttelt hatte.
„Wer ist das?“, flüsterte Nela.
Mira schlich zur Tür und spähte durch den Spion. „Ein Mädchen… ungefähr unser Alter. Mit einem Rucksack, der doppelt so groß ist wie sie.“
Leni stellte die Popcornschüssel ab. „Vielleicht ist sie… die neue Nachbarin? Oder eine Geheimagentin.“
„Oder beides“, murmelte Nela und stand auf.
Mira öffnete die Tür einen Spalt. Draußen stand ein Mädchen mit dunkelblondem Zopf und einem Blick, der gleichzeitig mutig und verlegen war. Sie hielt ein zusammengefaltetes Papier in der Hand.
„Hi“, sagte sie. „Ich bin Juna. Wir sind gerade eingezogen. Ich… äh… suche die Wohnung mit dem…“ Sie blickte aufs Papier. „…‘Astronauten-Keksdosen-Geruch'? Das hat meine kleine Schwester gesagt. Sie meint, hier riecht's nach Keksen.“
Leni flüsterte: „Das ist eindeutig ein Zeichen.“
Nela trat neben Mira. „Dann bist du richtig. Wir sind Keksexperten.“
Juna lächelte vorsichtig. „Ähm. Ich hab noch keine Freunde hier. Und ich hab gesehen, dass ihr… irgendwas plant. Ich wollte nicht stören.“
Mira sah zu Leni, dann zu Nela. In ihren Augen blitzte etwas Entschlossenes auf. „Stören? Niemals. Wir planen einen Geburtstag. Und dafür kann man… Hilfe gebrauchen.“
„Hilfe klingt gut“, sagte Juna leise. „Ich bin ziemlich gut im… Dinge merken. Und im Verstecken.“
Leni nickte beeindruckt. „Das klingt, als wärst du in ‘Die erstaunlich unauffällige Überraschung' geboren worden.“
Nela grinste. „Dann komm rein. Aber Achtung: Hier drin sind mindestens drei Geheimnisse unterwegs.“
Juna trat ein, und die Tür schloss sich hinter ihr mit einem leisen Klick, als würde sie sagen: Jetzt beginnt etwas.
Kapitel 2: Das geliehene Spiel
Mira zog Juna ins Wohnzimmer, als würde sie eine wichtige Ausstellungsführung geben. „Hier ist die Wunsch-Box. Da darf man nicht reingucken. Sonst verfliegt die Magie.“
Juna hob beide Hände. „Ich schwöre, ich gucke nicht. Ich bin sehr… nicht-guckig.“
Leni kicherte. „Nicht-guckig. Das bin ich, wenn Mathe dran ist.“
Nela öffnete eine Schublade und zog eine Schachtel hervor: „Galaxien-Quest“. Das Spiel war legendär in ihrer Klasse, weil man darin als Crew durch verrückte Planeten sprang, Rätsel löste und manchmal – sehr unfair – von einem glibberigen Weltraumhuhn verfolgt wurde.
„Oh!“, sagte Juna. Ihre Augen wurden groß. „Das Spiel kenne ich aus einem Video. Ich wollte es immer mal spielen.“
„Heute Abend“, sagte Nela. „Als Geburtstagsprogramm. Wir machen Team-Modus. Keine Einzelkämpfer.“
Mira nickte. „Und wir brauchen Deko. Und Essen. Und…“ Sie sah auf ihre Liste. „…und ein Versteck für die Überraschungstorte. Leni, du bist Tortenwache. Nela, du lenkst deine Eltern ab. Juna… möchtest du helfen?“
Juna drückte den Rucksack fester an sich. „Ich kann… viele Sachen. Zum Beispiel Karten zeichnen. Oder Wege merken. Oder…“ Sie zögerte. „Oder ich kann euch mein Glückskaugummi geben. Der hilft beim Planen.“
Leni flüsterte ehrfürchtig: „Glückskaugummi!“
„Es ist nur Kaugummi“, sagte Juna schnell, aber sie lächelte dabei.
Nela sah Juna an. „Wenn du willst, kannst du auch mitspielen. Aber das Spiel gehört mir. Und ich…“ Sie hielt kurz inne. Sie hatte schon oft gehört: „Du bist zu ordentlich, Nela. Du leihst nie was aus.“ Heute fühlte sich das wie ein Stein in der Tasche an.
Mira bemerkte den Blick und sagte leise: „Wir passen auf. Versprochen.“
Juna nickte eifrig. „Ich auch. Ich habe noch nie etwas kaputt gemacht, was mir nicht schon vorher kaputt gegeben wurde.“
Leni lachte. „Das klingt wie ein offizielles Zertifikat.“
Nela atmete aus. Dann schob sie die Spielschachtel über den Tisch – in Richtung Juna. „Okay. Du darfst sogar die Karten mischen.“
Juna hielt die Schachtel, als wäre sie ein Schatz. „Echt?“
„Echt“, sagte Nela. „Aber wenn das Weltraumhuhn verschwindet, muss ich es bei dir suchen.“
Juna grinste. „Deal.“
In dem Moment rief Nelas Mutter aus der Küche: „Nela, Schatz, kannst du kurz helfen?“
Nela zuckte zusammen. „Oh nein. Die Küche. Das ist die einzige Galaxie, in der ich mich verlaufe.“
Mira schob sie Richtung Tür. „Geh. Wir kümmern uns um den Rest. Geheimtrupp eins bleibt hier.“
Nela ging, aber drehte sich an der Tür noch einmal um. Juna stand da, das Spiel in den Händen, und sah aus, als hätte ihr jemand ein kleines Stück Vertrauen geschenkt.
Nela lächelte. Vielleicht, dachte sie, wird dieser Geburtstag wirklich unvergesslich. Und nicht nur wegen der Torte.
Kapitel 3: Wünsche in der Keksdose
Als Nela in der Küche Kartoffeln schälte – sehr langsam, damit sie möglichst schnell wieder verschwinden konnte –, flüsterten Mira, Leni und Juna im Wohnzimmer über die Überraschung.
„Wir brauchen ein Motto“, sagte Leni und warf Popcornkörner in die Luft, die sie meistens nicht fing.
„Motto: ‘Nicht gucken, Nela!'“, schlug Mira vor.
„Das ist kein Motto, das ist ein Befehl“, sagte Juna, aber sie lachte.
Mira tippte an die Astronauten-Keksdose. „Okay. Jeder hat einen Wunsch geschrieben. Ich wette, Nela hat sowas geschrieben wie: ‘Ein Tag ohne peinliche Geburtstagslieder'.“
Leni schüttelte den Kopf. „Oder: ‘Bitte keine Glitzer'.“
Juna beugte sich näher, als würde sie ein echtes Sternenfeld betrachten. „Und ihr lest es wirklich nicht?“
„Nie“, sagte Mira feierlich.
„Auch nicht so ein kleines bisschen?“, fragte Juna und hielt Daumen und Zeigefinger ganz nah zusammen.
„Nicht mal so viel“, sagte Leni und machte ihre Finger noch näher. „So wenig ist nicht mal mehr ein bisschen.“
Juna nickte. „Okay. Dann mache ich auch einen Wunsch. Darf ich?“
Mira zog einen Zettel und einen Stift hervor. „Klar. Aber du musst ihn falten, als wäre er ein Mini-U-Boot.“
Juna schrieb langsam, die Zunge ein bisschen zwischen den Lippen, und faltete dann sehr sorgfältig. Als sie den Zettel in die Dose fallen ließ, klang es wie ein leiser „Plopp“, als hätte ein Geheimnis sich hingesetzt.
„Was hast du dir gewünscht?“, fragte Leni sofort.
„Wenn ich's sage, ist es kein Wunsch mehr“, sagte Juna, und diesmal klang sie ein kleines bisschen wie Nela.
Mira grinste. „Du lernst schnell.“
Dann passierte das, was bei geheimen Aktionen immer irgendwann passiert: Es gab ein Geräusch.
Ein dumpfes „Wumm“.
Alle drei erstarrten.
„War das… die Torte?“, flüsterte Leni.
Mira sprang auf. „Die Torte steht doch auf dem… oh nein.“
Sie rannten in die Küche, wo Nela gerade mit einem Kartoffelschäler kämpfte wie mit einem widerspenstigen Alien. Auf dem Boden lag eine Tortenbox, leicht eingedellt. Daneben stand Nelas kleiner Bruder Tim, mit unschuldigen Augen und Schokoladenmund.
„Ich hab sie nur geküsst“, sagte er.
„Mit deinem ganzen Körper“, murmelte Nela.
Mira kniete sich hin und öffnete vorsichtig die Box. Innen war die Torte… noch da. Aber die Sahnewolke oben hatte eine kleine Delle, als hätte ein winziger Meteor eingeschlagen.
Leni atmete aus. „Sie lebt.“
Juna trat näher. „Wir können das reparieren. Ich hab zu Hause so Spritzbeutel… meine Mutter backt. Ich kann…“ Sie sah Nela an. „Ich kann helfen. Wenn ihr wollt.“
Nela betrachtete die Delle. Dann Tim. Dann Juna, die so ernsthaft helfen wollte, als ginge es um eine Weltrettung.
„Ja“, sagte Nela. „Hilfe klingt sehr gut.“
Tim hob die Hand. „Ich kann auch helfen! Ich kann sie nochmal küssen, damit es wieder schön wird!“
„Nein!“, riefen alle drei Mädchen gleichzeitig.
Nela musste lachen. Und in diesem Lachen fühlte sich das Chaos plötzlich nicht mehr schlimm an, sondern wie ein Teil der Feier, die noch nicht mal begonnen hatte.
Kapitel 4: Das große Versteck-Manöver
Am Nachmittag verwandelte sich die Wohnung in ein geheimes Hauptquartier. Mira klebte Girlanden, Leni pumpte Luft in Ballons, als würde sie gegen einen unsichtbaren Drachen anpusten, und Juna zeichnete auf einem Blatt Papier eine Karte.
„Das hier“, erklärte Juna, „ist die Route für die Überraschung. Nela wird von der Küche ins Wohnzimmer gelockt. Hier“, sie tippte auf einen Punkt, „steht ihr alle mit Partyhüten. Und hier“, sie zeichnete ein Sternchen, „steht die Torte. In Sicherheit.“
„Torte in Sicherheit ist mein Lieblingssatz“, sagte Leni und wischte sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Meine Lunge fühlt sich an wie ein alter Luftballon, den man im Schulranzen vergessen hat.“
Nela sollte eigentlich nicht zu viel mitbekommen, aber sie war ja nun mal die Hauptperson – und außerdem half sie, ohne sich helfen zu lassen, wie immer. Sie trug Teller, schob Stühle, und tat so, als wäre das alles völlig normal.
Mira schob sie sanft Richtung Flur. „Du musst dich kurz… umziehen. Für… Fotos.“
„Fotos?“, fragte Nela misstrauisch.
„Ja“, sagte Leni. „Dein Gesicht muss bereit sein. Es braucht… Vorwärmphase.“
„Mein Gesicht?“, wiederholte Nela.
„Dein Gesicht“, sagte Mira ernst. „Es ist ein wichtiges Geburtstagsgesicht.“
Nela schnaubte, aber ging ins Zimmer. Kaum war die Tür zu, flüsterte Mira: „Jetzt! Torten-Transport!“
Juna und Leni hoben die Tortenbox wie zwei Archäologinnen, die ein sehr empfindliches Fossil retten. Sie wollten sie ins Wohnzimmer stellen – genau an den Platz auf Junas Karte.
Da rief Tim von irgendwoher: „Ich sehe euch! Ich bin ein Spion!“
„Oh nein“, zischte Leni. „Der Spion hat Schokoladen-Munition.“
Juna dachte blitzschnell. Sie stellte die Torte ab und ging zu Tim in die Hocke. „Psst. Spione brauchen eine Aufgabe.“
Tims Augen leuchteten. „Welche?“
„Du musst bewachen, dass Nela nicht rauskommt“, sagte Juna. „Das ist die wichtigste Spion-Aufgabe. Du stellst dich vor ihre Tür und machst… Spion-Geräusche.“
Tim nickte ernst. „Ich kann das.“ Er schlich zur Tür und machte leise: „Piu piu. Piu.“
Leni starrte Juna an. „Du bist… richtig gut.“
Juna zuckte mit den Schultern, aber ihre Wangen wurden rosa. „Ich habe zwei kleine Geschwister. Das ist wie… tägliches Training.“
Mira hob den Daumen. „Teamwork rettet Torten.“
Als die Torte endlich stand, kam das nächste Problem: Das „Galaxien-Quest“-Spiel war verschwunden.
„Ich hatte es hier!“, sagte Nela, als sie wieder im Wohnzimmer stand. „Ich hab's doch… oh nein. Ich hab's verliehen.“
„An wen?“, fragte Mira, obwohl sie es wusste.
Nela schluckte. „An Juna. Damit sie mischen darf.“
Alle schauten zu Juna, die sofort den Rucksack öffnete. Er war voll mit Stiften, einem Notizbuch, einem kleinen Stofffuchs – aber kein Spiel.
Juna wurde blass. „Ich hatte es… wirklich. Ich wollte es gleich zurückgeben. Ich hab's… vielleicht…“ Sie presste die Lippen zusammen. „Ich glaube, ich hab's in unserem Umzugskarton gelassen. Der steht… im Keller.“
Stille.
Leni hob eine Augenbraue. „Keller. Der Ort, wo alle verlorenen Dinge wohnen. Zusammen mit Spinnen und alten Fahrrädern.“
Mira atmete tief ein. „Okay. Kein Drama. Wir gehen zusammen. Helfen einander. Das ist… Geburtstagsmodus.“
Nela sah Juna an. In Junas Blick lag Panik, als würde sie gleich die Tür zurück in die Einsamkeit öffnen.
Nela schüttelte den Kopf. „Schon gut. Ich hab's dir geliehen. Also holen wir's gemeinsam. Und danach jagen wir das Weltraumhuhn.“
Juna blinzelte, als hätte sie nicht damit gerechnet, dass Vertrauen so stabil sein kann. „Danke“, sagte sie leise.
„Keine Zeit für Gänsehaut“, sagte Leni und schnappte sich eine Taschenlampe. „Auf in die Unterwelt.“
Kapitel 5: Kellerabenteuer und ein neuer Plan
Der Keller roch nach Staub, Metall und einer sehr alten Kartoffel, die irgendwo ihr Leben hinterfragt hatte. Leni leuchtete mit der Taschenlampe wie eine Entdeckerin, die gleich einen Schatz findet – oder einen Staubsauger aus dem Jahr 1998.
„Wenn eine Spinne größer als mein Daumen ist, ziehe ich um“, sagte sie.
Mira ging voran, entschlossen wie immer. „Wir suchen Kartons mit der Aufschrift ‘Juna'.“
Juna nickte. „Die sind mit grünen Punkten markiert.“
„Grüne Punkte“, murmelte Nela. „Wie ein geheimer Code.“
„Mein Vater sagt, ohne Punkte findet man nichts wieder“, erklärte Juna. „Er hat mal den Toaster drei Monate gesucht.“
Leni stöhnte. „Das ist tragisch. Wie hat er überlebt?“
Sie fanden die Kartons hinter einem Stapel alter Ski. Auf dem größten stand tatsächlich ein grüner Punkt. Und darunter, in krakeliger Schrift: „SPIELE (BITTE NICHT WEGWERFEN)“.
„Das klingt nach einer Geschichte“, sagte Mira.
Juna zog den Karton auf, und da war es: „Galaxien-Quest“. Die Schachtel war unversehrt, als hätte sie sich im Karton nur kurz ausgeruht.
Juna hielt sie Nela hin, beide Hände zitterten ein bisschen. „Es tut mir leid. Ich wollte nicht…“
Nela nahm die Schachtel. Dann drückte sie sie Juna wieder in die Hände. „Du trägst sie hoch. Als Beweis, dass du zur Crew gehörst.“
Juna sah sie an, als hätte Nela ihr gerade einen Platz in einer Mannschaft angeboten, von der sie nicht wusste, dass sie sie braucht.
„Okay“, sagte sie, und ihre Stimme klang fester.
Auf dem Rückweg blieb Leni stehen und leuchtete auf etwas Glänzendes. „Was ist das?“
Auf einem Regal stand eine Kiste mit Luftballons – viele, viele Luftballons, in allen Farben. Daneben ein Zettel: „Für Sommerfest – nicht vergessen!“
Mira pfiff leise. „Das ist… ein Bouquet in Ballonform.“
„Wir könnten…“, begann Leni.
Nela grinste. „Nein. Wir könnten nicht. Wir müssen.“
Juna sah verwirrt aus. „Ein Bouquet? Aus Ballons?“
Mira nickte. „Am Ende des Abends. Als große Überraschung. Wir binden sie zusammen, wie einen Blumenstrauß – nur dass er schwebt und keine Allergie auslöst.“
„Außer gegen Knoten“, sagte Leni. „Ich bin allergisch gegen Knoten.“
„Dann helfe ich dir“, sagte Juna sofort. „Ich kann gut knoten.“
Leni sah sie an. „Du kannst wirklich alles.“
Juna lachte. „Nein. Aber ich kann es versuchen. Und wenn es schiefgeht, machen wir eben… künstlerische Knoten.“
Als sie wieder oben waren, hörten sie Musik aus dem Wohnzimmer. Nelas Eltern hatten begonnen, Geburtstagslieder in die Playlist zu schmuggeln. Nela verzog das Gesicht.
„Bitte nicht das Lied mit dem Klatschen“, sagte sie.
Mira legte den Arm um sie. „Heute darfst du Wünsche haben. Und wir helfen, sie wahr zu machen.“
Nela sah zu Juna, die das Spiel festhielt und dabei lächelte, als wäre sie nicht mehr Besuch, sondern schon ein Teil vom Ganzen.
„Dann wünsche ich mir“, sagte Nela, „dass wir jetzt feiern. Aber richtig.“
Kapitel 6: Die Feier, die leuchtet
Am Abend füllte sich das Wohnzimmer mit warmem Licht, knisterndem Lachen und dem Geruch nach Pizza. Die Girlanden hingen schief, aber fröhlich. Auf dem Tisch stand die reparierte Torte, mit einer Sahnewolke, die jetzt aussah wie ein kleiner Schneegipfel.
„Sie ist schöner als vorher“, sagte Mira stolz.
Leni nickte. „Dellen sind nur… Charakter.“
Juna stand etwas am Rand, als würde sie immer noch prüfen, ob sie wirklich eingeladen war. Nela bemerkte es. Sie ging zu ihr, drückte ihr einen Partyhut in die Hand und sagte: „Crew-Mitglied zwei bekommt Hutpflicht.“
Juna setzte ihn auf. Er rutschte ein bisschen zur Seite.
Leni zeigte auf sie. „Du siehst aus wie eine sehr elegante Verkehrsleitkegel-Prinzessin.“
Juna lachte so plötzlich, dass sie sich selbst erschrak. „Danke… glaube ich.“
Dann begann das Spiel. „Galaxien-Quest“ lag auf dem Teppich, die Karten wurden gemischt, und das Weltraumhuhn grinste frech von einer Spielkarte, als wüsste es schon, dass es Ärger machen würde.
„Regel Nummer eins“, sagte Nela, „wir spielen zusammen.“
„Regel Nummer zwei“, ergänzte Mira, „wir lassen niemanden zurück. Auch nicht auf dem Schleimplanet.“
„Regel Nummer drei“, rief Leni, „wir essen Snacks, wenn wir mutig sind. Also ständig.“
Juna nahm eine Karte und las laut vor: „Ihr erreicht den Planeten Flüsterfelsen. Um weiterzukommen, muss die Crew ein Geheimnis teilen, das niemanden verletzt.“
Alle sahen sich an.
Leni machte ein Gesicht, als hätte sie gerade Zitronensaft geküsst. „Ein Geheimnis? Okay. Ich… ich habe einmal so getan, als hätte ich ein Buch gelesen, dabei hab ich nur die Bilder angeschaut.“
Mira nickte ernst. „Das ist… mutig.“
Nela schmunzelte. „Mein Geheimnis: Ich übe manchmal Geburtstagskerzen-Ausblasen im Spiegel. Damit es beim ersten Versuch klappt.“
Leni klatschte. „Professionell!“
Juna hielt die Karte fest. Ihre Finger kneteten den Rand. „Mein Geheimnis…“ Sie holte tief Luft. „Ich hatte Angst, dass ich hier niemanden finde. Und dass ich wieder neu anfangen muss. Ich tue oft so, als wäre ich super mutig, aber… manchmal ist mein Bauch ein kleiner Trommler, der Panikmusik macht.“
Es wurde still, aber nicht unangenehm. Eher so, als würden alle kurz näher zusammenrücken, ohne sich zu bewegen.
Nela sagte: „Dann sind wir jetzt dein Trommler-Stop-Team.“
Mira nickte. „Und wenn dein Bauch trommelt, trommeln wir einfach mit. Dann wird's Musik.“
Leni grinste. „Und ich spiele das Popcorn-Maracas.“
Juna lachte, und diesmal blieb das Lachen.
Sie spielten weiter, lösten Rätsel, verloren fast gegen das Weltraumhuhn (Leni behauptete, es habe geschummelt), und gewannen am Ende, weil sie wirklich als Team dachten: Mira plante, Nela behielt den Überblick, Leni brachte alle zum Lachen, und Juna fand in der Karte den winzigen Hinweis, den niemand gesehen hatte.
„Du hast Adleraugen“, sagte Mira.
Juna zuckte mit den Schultern. „Ich hab nur… gut hingeschaut. Weil ich dazugehören wollte.“
„Du gehörst dazu“, sagte Nela sofort, als wäre das die selbstverständlichste Regel der Welt.
Dann kamen die Kerzen. Nela stand vor der Torte, die Flammen spiegelten sich in ihren Augen.
„Wunschzeit“, flüsterte Mira.
Nela schloss die Augen. Sie dachte an die Wunsch-Box, an die Karte im Keller, an die Torte mit Charakter, an das geliehene Spiel, das zurückgekommen war, und an Juna, die nicht mehr am Rand stand.
Sie pustete. Alle Kerzen gingen beim ersten Mal aus.
Leni riss die Arme hoch. „Sie hat geübt! Ich wusste es!“
Kapitel 7: Ein schwebender Strauß
Später, als der Abend weich wurde und die Musik leiser, zog Mira die anderen in den Flur. „Jetzt. Ballon-Operation.“
„Ich dachte, es heißt Bouquet-Plan“, flüsterte Leni.
„Ballon-Operation klingt wichtiger“, sagte Mira.
Juna kniete sich hin, die Kiste mit den Luftballons neben sich. „Welche Farben?“
Nela betrachtete die bunten Kugeln. „Alle. Heute ist ein Alle-Tag.“
Leni blies einen Ballon auf, bis ihre Wangen aussahen wie zwei kleine Monde. „Ich hoffe, mein Gesicht hat Vorwärmphase gemacht.“
Mira band die Ballons zusammen, aber ihre Knoten waren… kreativ. Ein Ballon rutschte sofort wieder weg.
„Allergie gegen Knoten!“, stöhnte Leni dramatisch.
„Gib her“, sagte Juna sanft. Ihre Finger bewegten sich schnell und sicher. Sie knotete, wickelte, zog fest. „So. Der hält.“
Mira staunte. „Wow. Das ist… Knotenkunst.“
„Mein Vater nennt mich ‘Knoten-Komet'“, sagte Juna, und diesmal klang es, als würde sie den Spitznamen mögen.
Sie banden Ballons zu einem Strauß: ein schwebendes Bündel, das an einem langen Band hing. Es sah aus wie ein Regenbogen, der beschlossen hatte, sich zusammenzufalten und mitzukommen.
„Okay“, flüsterte Mira. „Auf mein Zeichen.“
Sie traten ins Wohnzimmer. Nelas Eltern schauten neugierig. Tim saß auf dem Teppich und versuchte, ein Stück Geschenkband zu essen, als wäre es Spaghetti.
„Jetzt!“, sagte Mira.
Juna hielt den Ballonstrauß hoch. Die Ballons stiegen, zogen sanft, als wollten sie an die Decke, aber das Band hielt sie zusammen wie ein Blumenstiel.
„Für dich“, sagte Juna und reichte Nela das Band.
Nela nahm es. In dem Moment schwebten die Ballons genau über ihr, bunt und leicht, und das Licht spiegelte sich auf ihnen wie kleine, tanzende Sterne.
Leni sagte: „Ein Bouquet, das nicht verwelkt. Und das man nicht gießen muss. Perfekt für uns.“
Mira nickte. „Und es passt zu unserem Motto.“
Nela lachte. „Welches Motto?“
Mira zuckte mit den Schultern. „Vielleicht: ‘Gemeinsam hält sogar ein Ballonstrauß.'“
Juna sah Nela an. „Und… danke. Dass du mir vertraut hast. Mit dem Spiel. Und überhaupt.“
Nela hielt das Band fester. „Danke, dass du geholfen hast. Mit der Torte. Mit dem Keller. Mit den Knoten. Und…“ Sie grinste. „…mit dem Spion-Training.“
Tim salutierte mit klebriger Hand. „Piu piu.“
Alle lachten.
Nela schaute hoch zu den Ballons. Sie fühlte sich, als würde etwas in ihr auch ein kleines bisschen schweben: leicht, warm, sicher. Ein Geburtstag, der nicht nur Geschenke hatte, sondern auch ein neues Crew-Mitglied.
„Unvergesslich“, sagte sie leise.
Mira stupste sie an. „Hast du's dir nicht gewünscht?“
Nela schüttelte den Kopf und lächelte. „Vielleicht. Aber ich glaube, wir haben's uns alle gewünscht. Und dann haben wir es zusammen gebaut.“
Der Ballonstrauß schaukelte sacht über ihnen, als würde er zustimmen.