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Gruselige Geschichte 7/8 Jahre Lesen 20 min.

Die Freiheitsklingel und die wandernde Türklinke

Milo und Leni folgen nachts einer wandernden Türklinke auf den Dachboden, wo sie zusammen mit einem Flüstermännchen und geheimnisvollen Gestalten nach einer Lösung für die unruhige Tür suchen.

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Vier Figuren: Milo, 7 Jahre, zerzauste braune Haare, blaues Schlafanzug mit kleinen Sternen, kniet vor der Dachbodentür, hält einen kleinen silbernen Schraubenzieher und schaut konzentriert auf den Türgriff; Leni, 7 Jahre, blond geflochten, gelber Pyjama mit Katzenmotiven, sitzt neben Milo auf dem Flurteppich, hält eine Thermoskanne Kakao und leuchtet mit einer kleinen Taschenlampe, mutiges, lächelndes Gesicht; der Türgriff (lebendig), runde polierte Messingknauf mit winzigen eingravierten Augen, rollt leicht auf dem Holzfußboden nahe dem Türrahmen und wirkt zögerlich; das Flüstermännchen, nichtmenschlich, kleines rundes Wesen mit grau-blauen Stofffetzen, schiefen Spitzhut, glänzende schwarze Perlenaugen, steht am linken Türrahmen und hält eine feine silberne Schnur mit einer kleinen klingelnden Glocke. Ort: alter Holzflur mit lackiertem Boden, crèmefarbene Wände mit bläulichen Mondschatten, dunkles rotes abgenutztes Läufer, halb geöffnete dunkle Dachbodentür, im Inneren Kartons und ein alter Spiegel; Abendlicht schafft eine sanft-mysteriöse Stimmung. Szene: Milo und Leni reparieren den Türgriff im Mondlicht, die kleine silberne Glocke hängt bereits am Rahmen, der zögernde Griff blickt zur Glocke; zarter, leicht unheimlicher Märchencharakter, Aquarellpastelltöne mit nächtlichen Blaukontrasten und weißen Glanzlichtern auf den Augen des Griffs und der Glocke. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Die Klinke, die nachts wandert

Milo und Leni waren beide sieben, und sie waren ein Team wie zwei Taschenlampen: Zusammen machten sie sogar dunkle Ecken freundlich hell.

Sie wohnten im Haus mit dem langen Flur, der leise knarrte, als würde er heimlich lachen. Am Ende des Flurs stand eine Tür, die alle nur „die Dachbodentür“ nannten. Tagsüber sah sie aus wie jede andere Tür. Nachts aber … na ja, nachts passierte etwas Seltsames.

„Hast du es wieder gehört?“, flüsterte Leni eines Abends, als sie in ihrem Bett lag und die Decke bis zur Nase zog.

„Klick … klack …“, antwortete Milo sofort. „Wie ein kleiner Käfer, der Schuhe an- und auszieht.“

Sie lauschten. Aus dem Flur kam ein Geräusch, als würde jemand ganz vorsichtig etwas Metall drehen. Dann ein leises „Plopp“. Und dann Stille.

Milo setzte sich auf. Seine Augen funkelten im Dunkeln, als hätten sie kleine Sterne verschluckt. „Ich glaube, die Türklinke schraubt sich nachts ab.“

„Klinken können doch nicht spazieren gehen“, murmelte Leni. Aber ihre Stimme klang mehr neugierig als ängstlich.

„In unserem Haus schon.“ Milo zeigte auf die Schranktür, an der ein Aufkleber klebte: ein Auge, das halb zugekniffen war. Leni hatte ihn dort hingeklebt, weil sie fand, dass Legenden manchmal „um die Ecke gucken“. Und seitdem war es, als würden manche Dinge wirklich ein bisschen lebendiger.

Milo hatte ein Geheimnis. Es war klein wie eine Münze, aber schwer wie ein Stein in seiner Hosentasche: Er träumte davon, die Klinke wieder festzuschrauben. Nicht nur einmal. Für immer. Dass die Tür nachts ruhig blieb, damit niemand stolpern musste und damit das Haus wieder so schlief wie ein zufriedener Kater.

„Morgen“, flüsterte Milo. „Morgen bleiben wir wach und folgen der Klinke.“

Leni zögerte kurz. Dann grinste sie. „Aber nur mit Kakao.“

Am nächsten Abend saßen sie in Lenis Zimmer auf dem Teppich. Der Mond malte helle Streifen auf den Boden, als hätte er einen Pinsel. Milo hatte einen kleinen Schraubenzieher aus Papas Werkzeugkiste gemopst. Leni hatte eine Thermoskanne Kakao und zwei Becher. Und beide hatten sich Socken angezogen, die auf dem Boden nicht quietschten: seine waren blau mit Raketen, ihre waren gelb mit Katzen.

„Bereit?“, flüsterte Leni.

„Bereiter als eine Banane im Müsli“, flüsterte Milo.

Sie hörten wieder das Geräusch: „Klick … klack … dreh … dreh …“ Dann „Plopp“.

Milo und Leni schlichen zur Zimmertür. Der Flur war dunkel, aber nicht böse. Er war eher wie ein großer Mantel, der ein bisschen zu weit war.

Am Ende des Flurs glitzerte etwas. Etwas Rundes. Etwas Messingfarbenes.

„Da!“, hauchte Leni.

Auf dem Boden lag die Türklinke. Und sie … bewegte sich. Nicht schnell, nicht ruckartig. Eher so, als würde sie sich schämen und trotzdem weiterkriechen müssen. Wie ein Schneckchen, das seine Spur aus Mondlicht zieht.

„Hallo?“, sagte Milo vorsichtig.

Die Klinke machte ein leises „Ting“, als würde sie antworten. Und dann rollte sie langsam weiter, Richtung Dachbodentür.

„Sie führt uns“, flüsterte Leni.

„Oder sie flieht“, flüsterte Milo.

Und da war es wieder: dieses Gefühl, dass Legenden um die Ecke guckten. Nicht wie Monster, die erschrecken wollten, sondern wie Nachbarn, die neugierig durch die Gardine schielen.

Die Klinke blieb vor der Dachbodentür stehen. Die Tür hatte keinen Griff mehr, nur das Loch, in dem sonst die Klinke steckte. Es sah aus wie ein Auge ohne Wimpern.

„Das ist gruselig“, sagte Leni. Ihre Stimme zitterte ein bisschen, aber sie drückte Milo trotzdem die Thermoskanne in die Hand, als wäre Kakao ein Zaubertrank.

Milo nickte. „Nur ein bisschen. Wie ein Schatten unter dem Bett, der sich als Socke herausstellt.“

Plötzlich wehte ein kühler Luftzug den Flur entlang. Nicht eiskalt, eher wie ein „Psst“. Und aus dem Türloch kam ein Flüstern, als würde jemand mit einem Blatt Papier sprechen.

„Frei …“, hauchte es. „Frei …“

Leni machte große Augen. „Hat die Tür gerade geredet?“

Milo schluckte. „Ich glaube, ja.“

Die Klinke ruckelte. „Ting! Ting!“ Dann rollte sie ein Stück zurück, als wolle sie sagen: Kommt schon.

Milo hob den Schraubenzieher. „Okay. Wir sehen nach. Und dann schraube ich dich wieder fest.“

„Vielleicht will sie das nicht“, flüsterte Leni.

Milo sah die Klinke an, als könne er in ihr Gesicht schauen. „Warum sollte eine Klinke weg wollen?“

Da knarrte die Dachbodentür. Ganz ohne Klinke. Sie öffnete sich einen Spalt. Ein Spalt so schmal wie eine Briefmarke, aber dahinter war Dunkelheit, die nach alten Kisten roch. Und etwas anderes: nach Regen auf warmem Stein.

„Ich bin nicht so mutig“, flüsterte Leni.

Milo nahm ihre Hand. „Du musst nicht allein mutig sein. Wir teilen uns den Mut. So wie den Kakao.“

Leni atmete aus. „Gut. Aber wenn ich niese, rennen wir.“

Sie kichern leise, und dieses Kichern war wie ein kleines Licht, das die Dunkelheit nicht vertreibt, aber ihr zeigt, dass sie nicht alles bestimmen darf.

Sie schoben die Tür auf.

Kapitel 2: Der Dachboden, der leise singt

Der Dachboden war kein gruseliger Ort mit Spinnennetzen, die wie Finger nach einem greifen. Er war eher wie ein Museum der Vergessenen Dinge. Kisten standen dort wie schlafende Elefanten, Decken lagen wie Wolkenhaufen, und ein alter Spiegel lehnte an der Wand, als würde er sich ausruhen.

„Puh“, sagte Leni. „Ich dachte, es wäre schlimmer.“

„Ich auch“, flüsterte Milo. „Vielleicht ist das hier nur … geheimnisvoll.“

Die Klinke rollte vor ihnen her. „Ting … ting …“ Sie führte sie zu einer Ecke, in der ein alter Kleiderschrank stand. Er war dunkelbraun, mit Schnitzereien, die aussahen wie kleine Ranken und Augen. Kein echtes Auge, eher ein Muster, das so tat, als würde es gucken.

„Der Schrank sieht aus, als hätte er schon viele Geschichten verschluckt“, sagte Leni.

„Und vielleicht rülpst er gleich eine wieder aus“, sagte Milo. Dann musste er selbst leise lachen, obwohl sein Bauch ein bisschen kribbelte.

Die Klinke stieß gegen den Schrank. „Ting!“ Und die Schranktür öffnete sich einen Spalt.

„Ähm“, sagte Leni. „Das hat sich von allein bewegt.“

Aus dem Schrank kam ein kühler Hauch, und etwas schimmerte darin, als würden Glühwürmchen eine Polonaise tanzen. Dann erschien ein Gesicht. Nicht plötzlich, eher wie ein Bild, das langsam in einem Nebel auftaucht.

Es war ein kleines Wesen, so groß wie ein Brotlaib, mit einem Mantel aus alten Stofffetzen. Sein Hut war schief, und seine Augen waren groß und glänzend wie schwarze Murmeln. Es hatte keine scharfen Zähne, keine Krallen. Nur einen langen, dünnen Finger, der so aussah wie ein Bleistift.

„Guten Abend“, sagte das Wesen mit einer Stimme wie raschelndes Papier. „Oder guten Morgen. Auf dem Dachboden ist die Zeit manchmal verwirrt.“

Leni drückte Milos Hand. „Wer bist du?“

Das Wesen verbeugte sich. „Ich bin der Flüstermännchen. Ich sammle Geräusche, die niemand mehr braucht. Alte Lacher, vergessene Lieder, leise Seufzer. Und manchmal auch …“ Es deutete auf die Klinke. „… Klinken, die genug haben von Festgeschraubtsein.“

Milo blinzelte. „Die Klinke gehört an die Tür.“

Die Klinke machte ein empörtes „Ting!“ und rollte ein Stück weg, als wäre sie beleidigt.

„Siehst du?“, flüsterte Leni. „Sie hat Gefühle.“

„Natürlich hat sie Gefühle“, sagte das Flüstermännchen. „Jeden Tag wird sie gedrückt, gezogen, gedreht. ‚Mach auf! Mach zu!‘ Niemand fragt: ‚Wie geht es dir, liebe Klinke?‘“

Milo fühlte sich plötzlich ein bisschen schuldig. Er hatte noch nie „Bitte“ zu einer Klinke gesagt.

„Aber wenn sie abhaut“, sagte Milo, „kann man die Tür nicht mehr öffnen.“

„Oder nicht mehr schließen“, ergänzte Leni, und ihre Stimme klang, als hätte sie an eine kalte Limonade gedacht.

Das Flüstermännchen nickte ernst. „Die Tür ist nicht irgendeine Tür. Sie ist eine Tür für Legenden. Manchmal schauen sie nur kurz durch den Spalt. Nur mit einem Auge. Das macht ‚kuck-kuck‘ im Kopf, wisst ihr?“

Leni schluckte. „Sind die Legenden gefährlich?“

Das Flüstermännchen schüttelte den Kopf. Sein Hut wackelte. „Nicht gefährlich. Eher … unruhig. Sie wollen frei sein. Sie wollen nicht in Geschichten eingesperrt bleiben. Aber sie wissen auch nicht, wie man freundlich klopft.“

Die Klinke rollte näher an Milo heran, als würde sie zuhören.

Milo räusperte sich. „Ich wollte die Klinke wieder festschrauben. Das ist mein …“ Er stockte. Geheimnisse sind manchmal scheu. „Mein geheimer Traum.“

„Ein schöner Traum“, sagte das Flüstermännchen. „Ordnung ist wie ein gemachtes Bett: Man schläft besser. Aber Freiheit ist wie ein Fenster: Man atmet besser.“

Leni nickte langsam. „Vielleicht braucht man beides.“

„Genau“, sagte das Flüstermännchen und klatschte leise in die Hände. Es klang wie zwei Blätter, die sich küssen. „Und darum gibt es heute Nacht eine Aufgabe.“

Milo hob die Augenbrauen. „Eine Aufgabe?“

„Ja“, sagte das Flüstermännchen. „Die Klinke ist müde davon, immer nur fest zu sein. Aber die Tür ist müde davon, immer nur offen zu sein. Wenn ihr ihnen helft, eine Abmachung zu finden, dann wird das Haus wieder ruhig atmen können.“

„Wie denn?“, fragte Leni.

Das Flüstermännchen zog aus seinem Mantel eine kleine Schnur, die silbern glänzte, als wäre sie aus Mondlicht gedreht. Daran hing ein winziges Glöckchen.

„Das ist die Freiheitsklingel“, sagte es. „Wenn sie an der Tür hängt, kann die Klinke entscheiden, wann sie loslässt. Aber nur, wenn jemand freundlich fragt. Und die Legenden können kurz gucken, ohne zu drängeln. Sie hören das Glöckchen und wissen: Hier gelten Regeln.“

Milo beugte sich vor. „Also muss man sagen …“

„Man muss sagen“, flüsterte das Flüstermännchen, „‚Bitte‘ und ‚Danke‘. Und man muss zuhören, wenn etwas leise ‚Nein‘ sagt.“

Leni grinste. „Das können wir.“

Die Klinke machte ein hoffnungsvolles „Ting“.

Doch dann passierte etwas, das selbst den Dachboden kurz still machte: Aus dem Spiegel in der Ecke kroch ein Schatten. Nicht wie eine Katze, eher wie ein langer Schal aus Nacht. Er glitt über den Boden, und am Ende formte sich eine Gestalt, die aussah wie ein Ritter aus Rauch.

Leni schnappte nach Luft. Milo spürte sein Herz, wie es gegen seine Rippen trommelte.

Der Rauchritter machte keinen Angriff. Er stand einfach da, und aus seinem Helm klang ein tiefes Seufzen, als hätte er schon sehr lange auf etwas gewartet.

„Wer … wer bist du?“, fragte Milo, und seine Stimme war leiser als sonst, aber sie war da.

Der Rauchritter neigte den Kopf. „Ich bin die Legende vom verschlossenen Weg“, sagte er. Seine Stimme klang wie Wind in einem Kamin, aber nicht böse. Eher traurig. „Ich bin müde, immer nur hinter Türen zu warten.“

Leni nahm all ihren Mut, wie man einen großen Keks nimmt, und biss hinein. „Du darfst gucken“, sagte sie. „Aber nicht erschrecken.“

Der Rauchritter schwieg kurz. Dann nickte er. „Ich kann es versuchen.“

Das Flüstermännchen flüsterte: „Jetzt müsst ihr die Abmachung schließen. Mit der Klinke. Mit der Tür. Und mit der Legende.“

Milo hob den Schraubenzieher, aber diesmal nicht wie eine Waffe, sondern wie einen Stift zum Unterschreiben.

„Klinke“, sagte Milo sanft, „willst du frei sein?“

„Ting“, machte die Klinke, und es klang wie „Ja“.

„Tür“, sagte Leni und legte ihre Hand an das Holz, „willst du auch Ruhe?“

Das Holz knarrte leise, wie ein zustimmendes Brummen.

Milo blickte zum Rauchritter. „Und du?“

„Ich will nur ab und zu atmen“, sagte der Rauchritter. „Ein Blick. Ein Schritt. Dann wieder zurück.“

Leni hielt die Freiheitsklingel hoch. „Dann machen wir eine Regel: Du darfst nur kommen, wenn das Glöckchen klingelt. Und das Glöckchen klingelt nur, wenn wir ‚Bitte‘ sagen.“

Der Rauchritter hob langsam eine Hand. Sie war aus Nebel, aber sie wirkte wie eine echte Hand, die niemandem wehtun wollte. „Abgemacht.“

Die Klinke rollte auf die Schnur zu und stieß sie leicht an. „Ting!“

„Das zählt auch als Unterschrift“, kicherte Leni.

„Dann los“, sagte Milo. „Wir hängen die Klingel an die Tür und schrauben die Klinke so fest, dass sie sich lösen kann, wenn man freundlich fragt.“

„Wie schraubt man etwas fest, das sich lösen darf?“, fragte Leni.

Milo dachte nach. „Nicht zu fest. Wie ein Deckel auf einem Marmeladenglas, den man mit zwei Fingern öffnen kann.“

Das Flüstermännchen nickte begeistert. „Sehr gut. Freiheit ist nicht Chaos. Freiheit ist eine Tür, die man öffnen kann, wenn man will.“

Sie gingen zurück in den Flur, begleitet von der Klinke, dem Flüstermännchen und dem Rauchritter, der leiser wurde, je näher sie der Dachbodentür kamen, als würde er sich zusammenfalten wie ein Schatten bei Sonnenaufgang.

Kapitel 3: Die Abmachung im Mondlicht

Vor der Dachbodentür kniete Milo sich hin. Der Flur roch nach Holz und ein bisschen nach Kakao. Leni hielt die Taschenlampe so, dass das Licht einen runden Fleck machte – wie eine Bühne für eine sehr kleine, sehr wichtige Szene.

„Okay“, murmelte Milo. „Klinke, bleib still, sonst rutscht der Schraubenzieher ab und ich pikse mich.“

Die Klinke machte ein brav klingendes „Ting“ und hielt erstaunlich still, als wäre sie plötzlich ganz erwachsen.

Leni flüsterte: „Ich bin deine Assistentin. Ich reiche dir unsichtbare Werkzeuge.“

„Dann reich mir bitte den Mut-Schlüssel“, sagte Milo.

Leni kicherte und legte ihm einen Finger auf die Schulter. „Hier.“

Milo setzte die Klinke wieder an ihren Platz. Er drehte die Schraube langsam. Nicht zu fest, nicht zu locker. Sein Gesicht war konzentriert, als würde er einen Zauber wirken.

Der Rauchritter stand ein paar Schritte entfernt. Im schwachen Licht sah er eher aus wie ein Mantel aus grauem Dunst. Er wirkte nicht mehr traurig, eher gespannt.

Das Flüstermännchen band die Freiheitsklingel an den Türrahmen. Das Glöckchen hing nun neben der Klinke und schimmerte, als hätte es einen eigenen kleinen Mond im Bauch.

„So“, sagte Milo und wischte sich die Hände an der Schlafanzughose ab. „Fertig.“

Leni klatschte leise. „Bravo, Schrauben-Zauberer!“

Die Klinke drehte sich testweise ein bisschen und machte dabei ein fröhliches „Ting“, als würde sie lachen.

„Jetzt die Regel“, sagte Leni laut genug, dass alle sie hören konnten, aber leise genug, dass das Haus nicht aufwachte. „Wer die Tür öffnen will, sagt zuerst: ‚Bitte‘. Dann klingelt das Glöckchen. Dann darf die Klinke entscheiden.“

Milo nickte. „Und danach sagt man: ‚Danke‘.“

Der Rauchritter hob die Hand. „Darf ich es probieren?“

Leni schaute zu Milo. Milo schaute zu Leni. Beide nickten.

Der Rauchritter beugte sich zur Tür. Seine Stimme war plötzlich ganz sanft, wie ein Lied, das man einem Baby vorsingt. „Bitte.“

Das Glöckchen klingelte. Ein einziges helles „Kling“. Es war kein Alarm, eher ein kleines Lächeln aus Klang.

Die Klinke drehte sich von allein. Nicht hektisch, nicht trotzig. Ruhig, als hätte sie genau darauf gewartet.

Die Tür öffnete sich einen Spalt, und aus dem Spalt kam kein Monster. Es kam ein Duft nach alten Geschichten. Und ein ganz leiser Wind, der die Haare an Lenis Stirn kitzelte.

Der Rauchritter schaute hindurch. Nur kurz. Dann trat er einen kleinen Schritt vor, sodass sein Schatten in den Flur fiel – wie ein Blatt, das für einen Moment vom Baum loslässt.

Milo spürte, wie seine Angst kleiner wurde, wie ein Luftballon, aus dem man ein bisschen Luft lässt. „Du siehst gar nicht so gruselig aus, wenn man dich kennt.“

Der Rauchritter lachte leise. Es klang wie „whooo“, aber freundlich. „Und ihr seid mutiger, als ihr denkt.“

„Danke“, sagte Leni stolz.

Der Rauchritter nickte, trat wieder zurück und ließ die Tür langsam zufallen. Die Klinke blieb dran. Das Glöckchen schwieg zufrieden.

„Danke“, sagte der Rauchritter jetzt, und in diesem Wort lag ein warmes Stück Sonne, obwohl es Nacht war.

Das Flüstermännchen verbeugte sich. „Abmachungen sind wie Brücken. Man kann darüber gehen, ohne zu fallen.“

Milo atmete tief durch. „Heißt das, die Klinke schraubt sich nachts nicht mehr ab?“

Die Klinke machte ein nachdenkliches „Ting … ting“. Dann blieb sie ruhig.

„Sie muss nicht fliehen“, sagte das Flüstermännchen. „Sie hat jetzt Freiheit in der Regel. Das ist die beste Sorte Freiheit. Die, die niemandem weh tut.“

Leni hob die Thermoskanne. „Auf die Freiheit!“

„Und auf Kakao“, sagte Milo.

Sie tranken einen Schluck, und der Kakao schmeckte nach Mut und ein bisschen nach Schokolade.

Der Rauchritter begann blasser zu werden, als würde er wieder in den Spiegel zurücksinken. „Ich komme nur, wenn ich gefragt werde“, versprach er. „Und ich erschrecke niemanden. Ich will nur wissen, dass es Wege gibt.“

„Es gibt immer Wege“, sagte Leni. „Manchmal sind sie nur versteckt.“

Der Rauchritter nickte. „Gute Nacht, Kinder.“

„Gute Nacht“, flüsterten Milo und Leni gemeinsam.

Das Flüstermännchen tippte an seinen schiefen Hut. „Wenn ihr wieder ein seltsames Geräusch braucht, ruft mich. Ich wohne im Schrank und esse alte Seufzer zum Frühstück.“

„Igitt“, sagte Leni, und dann musste sie lachen, weil es gar nicht igittig klang, sondern lustig.

Das Flüstermännchen zwinkerte. „Man gewöhnt sich an alles.“

Dann war es weg, als hätte es sich in ein Rascheln verwandelt.

Milo und Leni schlichen zurück in Lenis Zimmer. Der Flur knarrte diesmal nicht geheimnisvoll, sondern zufrieden. Als würde das Haus selbst sagen: Alles ist gut.

Im Bett flüsterte Leni: „Milo?“

„Hm?“

„Dein geheimer Traum … ist er jetzt wahr?“

Milo dachte an die Klinke, die wieder an ihrem Platz war. Und an das Glöckchen, das zeigte, dass Freiheit nicht einfach Weglaufen bedeutet. Freiheit kann auch heißen, dass man selbst entscheiden darf – aber freundlich.

„Ja“, flüsterte Milo. „Aber anders als ich dachte.“

„Besser?“

Milo lächelte in die Dunkelheit. „Besser. Weil jetzt alle ein bisschen frei sind. Die Klinke. Die Tür. Und sogar die Legende.“

Leni gähnte. „Und wir auch. Frei von Bauchkribbeln.“

Milo lauschte. Kein Klick, kein Plopp. Nur das leise, beruhigende Geräusch der Nacht, die wie eine Decke über allem lag.

Im Flur hing die Freiheitsklingel und wartete geduldig. Sie wusste: Manchmal reicht ein „Bitte“, um eine Tür zu öffnen. Und ein „Danke“, um sie wieder sanft zu schließen.

Und irgendwo, ganz weit hinten in den Geschichten, schaute eine Legende um die Ecke – nicht um zu erschrecken, sondern um zu winken.

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Knarrte
Machte ein leises, ächzendes Geräusch, wenn sich Holz bewegt.
Dachbodentür
Die Tür, die zum Raum ganz oben im Haus führt.
Spalt
Eine schmale Öffnung, die nur ein bisschen Luft oder Licht lässt.
Schimmerte
Glänzte leicht, als würde Licht ganz zart darauf fallen.
Verbeugte
Beugte den Körper nach vorn, um Respekt zu zeigen.
Freiheitsklingel
Ein kleines Glöckchen, das zeigt, wann etwas erlaubt ist.
Glöckchen
Ein kleines Glockengerät, das einen hellen Ton macht.
Abmachung
Eine Vereinbarung, bei der alle eine Regel akzeptieren.
Legenden
Alte Geschichten, die oft geheimnisvoll oder besonders sind.
Schraubenzieher
Ein Werkzeug, mit dem man Schrauben dreht und festmacht.
Schnitzereien
Muster oder Bilder, die in Holz eingearbeitet sind.
Flüstermännchen
Ein kleines Wesen, das leise Geräusche sammelt und bewahrt.
Rauchritter
Eine Gestalt aus Nebel oder Rauch, die wie ein Ritter wirkt.

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