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Geschichte über die Lüge 11/12 Jahre Lesen 20 min.

Der Zettel, die Notlüge und der Mut zur Wahrheit

Jonas verliert einen wichtigen Zettel und gerät durch kleine Notlügen in Schwierigkeiten; mit Unterstützung seiner Mutter und Dr. Keller beginnt er, seine Angst vor Enttäuschung zu benennen und offen zu sprechen.

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Ein rundgesichtiges 12-jähriges Junge mit zerzausten braunen Haaren und leicht feuchten haselnussbraunen Augen, nervös und zugleich erleichtert, reicht ein gefaltetes Formular zur Unterschrift der Lehrerin (ca. 35, châtain zurückgebunden, helle Bluse, ruhiges Lächeln, wohlwollender Blick), links sitzt sein Freund Tarek (~12) lässig auf einem Holzstuhl in ausgewaschenen Jeans, rechts Mia (~12) mit blonder Zopf, geöffnetem Heft und ermutigendem Lächeln; die warme Klassenzimmeratmosphäre zeigt helle Holzpulte, eine Tafel mit «Elternabend», bunte Tierplakate und ein großes Museumsplakat, Sonnengold durch ein Fenster, Parkettboden, vereinzelte Blätter und Rucksack auf dem Boden, Bildkomposition legt den Fokus auf die ausgestreckte Hand mit dem Papier und die ausgetauschten Blicke, warme Farben, weiche Kontraste und leicht karikierte, ausdrucksstarke Figuren. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der verschwundene Zettel

Jonas war zwölf und konnte Konflikte schon riechen, bevor sie überhaupt anfingen. Manchmal reichte ein Blick von Mama oder dieses kurze „Jonas?“ in dem Ton, der bedeutete: Jetzt wird's ernst.

An diesem Montag war es ein Zettel.

„Der Elternabend ist morgen“, sagte Mama und legte die Post auf den Küchentisch. Zwischen Werbung und einem Prospekt für Gartengeräte lag ein weißes Blatt. „Du solltest den Zettel aus der Schule unterschreiben lassen. Wo ist er?“

Jonas' Magen machte einen kleinen Purzelbaum. Den Zettel hatte es gegeben. Er hatte ihn sogar in der Hand gehabt. Dann hatte Tarek in der Pause gesagt: „Wenn meine Mutter den Elternabend hört, kann ich gleich mein Handy beerdigen.“ Und Jonas hatte gelacht, obwohl ihm nicht zum Lachen war, und den Zettel später irgendwie… irgendwohin geschoben.

Jetzt lag er nicht mehr in seinem Ranzen. Er lag auch nicht auf seinem Schreibtisch. Und wahrscheinlich lag er in einem Paralleluniversum, in dem Socken nicht verschwinden.

„Ähm… ich hab ihn in der Schule gelassen“, sagte Jonas schnell. „Im Klassenraum. Frau Neumann sammelt die manchmal ein.“

Mama zog eine Augenbraue hoch. „Aha. Und warum hast du das gestern nicht gesagt?“

Weil ich dann jetzt nicht hier sitzen würde, dachte Jonas. Weil ich dann nicht diesen Blick ertragen müsste. Weil ich keine Lust habe, dass wir uns streiten.

„Ich… hab's vergessen“, murmelte er.

Mama seufzte, aber sie klang nicht wütend. Eher müde. „Jonas, du weißt, dass du mir sowas sagen kannst. Wir gehen morgen hin. Und heute suchst du bitte nochmal im Ranzen.“

„Ja“, sagte Jonas und zwang sich zu einem Lächeln.

Im Zimmer zog er alles aus dem Ranzen: Mathebuch, zerknitterte Hausaufgaben, ein Apfel, der bessere Tage gesehen hatte. Kein Zettel. Jonas starrte auf das Chaos. In seinem Kopf tauchte die Szene auf: Er hatte den Zettel gefaltet, in die Hosentasche gesteckt, dann war er beim Fußball hingefallen. Vielleicht war er rausgerutscht. Vielleicht hatte ihn jemand aufgehoben. Vielleicht lag er noch auf dem Schulhof und wurde gerade von einem Regenwurm gelesen.

Jonas setzte sich auf sein Bett. Die Lüge war klein gewesen. Ein Satz, um Ärger zu vermeiden. Aber sie fühlte sich an wie ein Stein in der Hosentasche: nicht riesig, aber schwer genug, um ständig daran zu denken.

Unten rief Mama: „Jonas? Alles okay?“

„Ja!“, rief er zurück. Die Lüge wackelte kurz und stand dann wieder gerade.

Kapitel 2: Die kleine Notlüge wird groß

Am nächsten Tag in der Schule war Jonas schon vor der ersten Stunde nervös. Frau Neumann schrieb „Elternabend“ an die Tafel und erklärte, was besprochen werden sollte: die Projektwoche, das neue Handyverbot in den Pausen, die Notenübersicht.

Jonas spürte, wie Tarek neben ihm auf seinem Stuhl herumrutschte.

In der Pause stieß Tarek Jonas mit dem Ellenbogen an. „Und? Sagt deine Mutter was?“

Jonas zuckte mit den Schultern. „Sie… findet's okay.“

Das war die zweite Lüge, ganz automatisch, wie eine Ausweichbewegung beim Fußball. Tarek grinste erleichtert. „Glück gehabt.“

„Ja“, sagte Jonas, aber in ihm war kein Glück.

Nachmittags stand Jonas mit Mama vor dem Klassenzimmer. Eltern schoben sich durch den Flur, leise Gespräche, Jacken raschelten. Jonas' Herz klopfte so laut, dass er dachte, es müsste an der Wand zu hören sein.

Im Raum saßen Eltern auf kleinen Stühlen, die viel zu klein für Erwachsene waren. Mama setzte sich, Jonas daneben. Frau Neumann begrüßte alle freundlich. Jonas hörte nur halb zu. Er beobachtete Mamas Gesicht. Sie wirkte interessiert, nicht genervt. Das machte es irgendwie schlimmer.

Dann sagte Frau Neumann: „Bevor wir anfangen: Ein Zettel ist verschwunden. Es geht um die Einverständniserklärung für den Ausflug ins Museum nächste Woche. Ohne Unterschrift kann ein Kind leider nicht mit.“

Jonas' Kehle wurde trocken. Museum. Ausflug. Der Zettel. Der war es gewesen.

Frau Neumann schaute in die Runde. „Es betrifft Jonas.“

Jonas spürte, wie Mama sich zu ihm drehte. Nicht hart, eher überrascht. „Jonas? Hast du den Zettel nicht abgegeben?“

Jonas wollte verschwinden. Am liebsten in den Ranzen, in die Jackentasche, ins Paralleluniversum der verschwundenen Socken.

„Ich… hab ihn in der Schule gelassen“, sagte Jonas leise. Es klang jetzt nicht mehr wie eine Erklärung, sondern wie ein schlechter Witz.

Frau Neumann blieb ruhig. „Kann passieren. Jonas, wir geben dir morgen einen neuen. Bitte bring ihn unterschrieben zurück.“

Mama nickte höflich. Aber Jonas spürte die Enttäuschung wie eine kalte Hand im Nacken.

Auf dem Heimweg war es still. Nur die Ampeln piepten, und irgendwo bellte ein Hund. Jonas trat gegen einen kleinen Stein und tat so, als wäre das das Wichtigste der Welt.

Vor der Haustür blieb Mama stehen. „Jonas, ich bin nicht böse, weil ein Zettel weg ist. Ich bin… traurig, weil du mir nicht die Wahrheit gesagt hast.“

Jonas schluckte. „Ich wollte keinen Streit.“

„Ich verstehe das“, sagte Mama. „Aber manchmal wird es durch eine Lüge erst ein Streit. Wir müssen darüber reden. Weißt du noch, dass wir nächste Woche den Termin bei Dr. Keller haben?“

Jonas nickte. Dr. Keller war Kinder- und Jugendpsychiater. Das klang im ersten Moment, als wäre man „krank im Kopf“, wie manche fies in der Klasse sagten. Aber Mama hatte erklärt, dass Dr. Keller Kindern hilft, wenn sich Gefühle verknoten. Jonas hatte den Gedanken erst peinlich gefunden, dann irgendwie… erleichternd. Wie ein Knoten, den man nicht allein aufbekommt.

„Vielleicht ist das ein gutes Thema“, sagte Mama leise. „Damit du Wege findest, Dinge zu sagen, ohne Angst.“

Jonas sah auf seine Schuhe. „Okay.“

Der Stein in seiner Hosentasche wurde nicht kleiner. Aber er rollte ein bisschen.

Kapitel 3: Der neue Zettel und das alte Muster

Am nächsten Morgen drückte Frau Neumann Jonas tatsächlich einen neuen Zettel in die Hand. „Hier. Und Jonas? Danke, dass du heute da bist. Alles wird gut.“

„Ja“, murmelte Jonas. Er mochte Frau Neumann. Gerade deshalb wollte er sie nicht enttäuschen.

In der großen Pause saß Jonas mit Tarek und Mia auf der Bank. Mia war die Art Mensch, die sogar beim Kaugummikauen organisiert wirkte. Sie schrieb Hausaufgaben in einen Planer und hatte immer ein Ersatzpflaster dabei.

„Museum wird cool“, sagte Mia. „Es gibt da so ein echtes Mammut-Skelett.“

Tarek verzog das Gesicht. „Mammut? Ich sterbe lieber.“

„Du stirbst schon, wenn du zehn Minuten ohne Handy bist“, sagte Mia trocken.

Tarek hielt sich dramatisch die Brust. „Sag sowas nicht, Mia. Worte können töten.“

Jonas lachte kurz. Dann erinnerte er sich an den Zettel in seiner Jackentasche. Er fühlte ihn wie ein Geheimnis.

Zu Hause legte Jonas den Zettel auf den Küchentisch, direkt neben Mamas Tasse. Er wollte es diesmal richtig machen. Kein Trick. Kein Ausweichen.

Doch als Mama nachmittags von der Arbeit kam, klingelte das Telefon. Jonas hörte nur Bruchstücke: „Ja, Frau Baumann… natürlich… das Projekt…“ Mamas Stirn zog sich zusammen.

Jonas stand daneben und wartete. Der Zettel lag da wie ein braver Hund, der Stöckchen bringen wollte.

Mama legte auf, rieb sich die Schläfen und sagte: „Jonas, ich muss noch an den Laptop. Das wird knapp. Was gibt's?“

Jonas' Mut war plötzlich so dünn wie eine Seifenblase. Er sah Mamas müde Augen und dachte: Wenn ich jetzt mit dem Zettel komme, ist es noch mehr. Noch eine Sache. Noch ein Problem. Noch ein möglicher Streit, wenn sie fragt, warum der alte weg ist.

„Nichts“, sagte Jonas schnell. „Alles gut.“

Mama nickte dankbar und ging ins Arbeitszimmer.

Jonas starrte auf den Zettel. Er nahm ihn, faltete ihn, steckte ihn in sein Mathebuch. Er wollte ihn später wieder rausholen. Später, wenn Mama entspannter war. Später war immer ein freundliches Wort für „ich traue mich gerade nicht“.

Abends fiel Jonas ein, dass „später“ jetzt war. Mama stand in der Küche und rührte in einer Suppe. Der Duft nach Karotten und Kräutern füllte den Raum.

Jonas hielt den Zettel in der Hand. „Mama? Kannst du—“

In dem Moment brannte der Timer. Piepsen. Mama fluchte leise und stellte die Suppe vom Herd. „Oh nein, fast übergekocht.“

Jonas' Mut sprang wieder zurück wie ein Gummiball. „Kannst du später?“, fragte er, obwohl er selbst wusste, wie blöd das klang.

Mama drehte sich um. „Jonas, was ist los? Du wirkst die ganze Zeit so… auf Kante.“

Jonas zuckte. „Nichts.“

Das war die dritte Lüge in drei Tagen. Und sie war größer als die erste, weil er sie direkt vor Mamas Gesicht sagte.

In seinem Zimmer lag Jonas später im Bett und hörte die Geräusche im Haus: Wasserleitungen, Schritte, das leise Surren des Kühlschranks. Er dachte an den Zettel, der jetzt auf seinem Schreibtisch lag wie ein Vorwurf.

Er wusste, dass er sich verheddert hatte. Und er wusste auch: Er musste irgendwann ziehen, sonst wurde der Knoten nur fester.

Kapitel 4: Dr. Keller und der Mut, der leise anfängt

Der Termin bei Dr. Keller war am Mittwoch nach der Schule. Jonas stellte sich vor, ein Kinder- und Jugendpsychiater hätte bestimmt einen Raum voller grauer Sessel und Fragen wie in einem Verhör.

Stattdessen roch es im Wartezimmer nach Tee. An der Wand hing ein Bild von einem Waldweg, und auf einem Regal standen ein paar Spiele. Jonas setzte sich neben Mama und starrte auf ein Memory-Spiel mit Tieren.

„Jonas?“ Eine Frau mit lockigen Haaren und freundlicher Stimme stand in der Tür. „Komm rein.“

Dr. Keller hatte ein Büro, das eher wie ein ruhiges Wohnzimmer aussah. Ein Schreibtisch, zwei Sessel, eine kleine Ecke mit Kissen. Auf dem Fensterbrett stand eine Pflanze, die erstaunlich lebendig wirkte.

„Du kannst sitzen, wo du willst“, sagte Dr. Keller.

Jonas setzte sich in den Sessel, der am weitesten vom Schreibtisch entfernt war. Mama saß daneben, aber ein bisschen weiter weg, als ob sie Jonas Platz lassen wollte.

Dr. Keller lächelte. „Deine Mama hat gesagt, du willst oft Streit vermeiden und sagst dann manchmal Dinge, die nicht ganz stimmen. Stimmt das?“

Jonas' Gesicht wurde warm. „Vielleicht.“

„Weißt du“, sagte Dr. Keller, „Menschen lügen oft nicht, weil sie böse sind. Sondern weil sie Angst haben. Oder weil sie jemanden schützen wollen. Oder weil sie sich schämen. Das ist menschlich.“

Jonas schaute auf seine Hände. „Ich will einfach nicht, dass alle sauer sind.“

„Und wenn du lügst“, fragte Dr. Keller, „was passiert dann in dir?“

Jonas dachte an den Stein in der Hosentasche. „Es wird kurz leichter. Und dann… schwerer. Weil ich dran denken muss.“

Dr. Keller nickte. „Guter Vergleich. Eine Lüge ist wie ein schwerer Stein, den man kurz wegschiebt, aber er rollt hinterher. Was wäre denn das, wovor du am meisten Angst hast, wenn du die Wahrheit sagst?“

Jonas zögerte. Dann kam es raus, leise: „Dass Mama enttäuscht ist. Dass sie denkt, ich bin… keine Ahnung… unzuverlässig.“

Mama atmete hörbar ein, sagte aber nichts. Jonas war froh darüber.

Dr. Keller lehnte sich ein wenig vor. „Enttäuschung ist ein Gefühl. Es tut weh, aber es geht vorbei. Vertrauen ist etwas anderes. Vertrauen wächst, wenn man auch unangenehme Dinge ehrlich sagt. Das kann man üben. Nicht mit einem riesigen Sprung. Eher mit kleinen Schritten.“

„Wie?“, fragte Jonas, und es klang fast wütend, weil er es wirklich wissen wollte.

„Zum Beispiel“, sagte Dr. Keller, „mit einem Satzanfang, der dir hilft. Etwas wie: ‚Ich habe Angst, dass du sauer wirst, aber ich möchte ehrlich sein.‘ Dann weiß der andere sofort, was in dir los ist. Du musst nicht cool sein. Du darfst nervös sein.“

Jonas schluckte. Das klang… möglich. Nicht einfach. Aber möglich.

Dr. Keller nahm ein Blatt Papier und zeichnete einen kleinen Kreis. „Hier ist die Wahrheit. Sie kann unangenehm sein, aber sie ist klar. Und hier“, sie zeichnete eine Spirale, „ist die Lügen-Spirale. Eine kleine Lüge braucht oft eine zweite, damit sie hält. Und dann noch eine. Und irgendwann weiß man selbst nicht mehr, was man wem gesagt hat.“

Jonas musste kurz lachen. „Das klingt wie Mathe.“

„Genau“, sagte Dr. Keller. „Und wie in Mathe ist es meistens leichter, den Fehler früh zu korrigieren.“

Auf dem Rückweg im Auto war es still, aber diesmal nicht schwer. Eher wie eine Pause, in der man Luft holen kann.

Mama sagte schließlich: „Ich fand gut, was du gesagt hast.“

Jonas starrte aus dem Fenster. Häuser zogen vorbei, ein Spielplatz, ein Kiosk. „Ich hab noch was nicht gesagt“, murmelte er.

Mama hielt an einer roten Ampel. „Du musst nicht alles auf einmal. Aber wenn du willst, höre ich zu.“

Jonas' Herz klopfte. Dann erinnerte er sich an den Satzanfang.

„Ich habe Angst, dass du sauer wirst“, begann Jonas, „aber ich möchte ehrlich sein. Der neue Zettel für den Museums-Ausflug… liegt seit gestern bei mir. Ich hab dich nicht gefragt, weil du so gestresst warst. Und… ich hab schon wieder ‚nichts‘ gesagt.“

Mama atmete aus, als hätte sie selbst einen Stein getragen. „Danke, dass du's sagst.“

„Bist du sauer?“, fragte Jonas.

„Ich bin nicht begeistert“, sagte Mama ehrlich. „Aber ich bin froh, dass du es jetzt sagst. Das ist mutig.“

Die Ampel sprang auf Grün. Jonas fühlte sich, als wäre ein Knoten ein Stück lockerer geworden.

Kapitel 5: Reparieren ist auch eine Art Mut

Zu Hause legte Jonas den Zettel auf den Tisch, diesmal so, als hätte er nichts zu verstecken. Mama nahm einen Stift und unterschrieb.

„Morgen gibst du ihn ab“, sagte sie. „Und wenn du magst, kannst du Frau Neumann auch kurz sagen, dass du… na ja, dass es dir schwerfällt, sowas anzusprechen.“

Jonas verzog das Gesicht. „Muss ich?“

Mama schüttelte den Kopf. „Nein. Aber manchmal hilft es, Dinge geradezurücken. Nicht als Strafe. Eher als… Reparatur.“

Reparieren. Jonas mochte das Wort. Es klang nach Schrauben festziehen und Fahrräder flicken. Nicht nach Schimpfen.

Am nächsten Tag wartete Jonas nach dem Unterricht, bis die anderen raus waren. Frau Neumann räumte Kreide weg und sortierte Hefte.

Jonas ging nach vorne, der Zettel in der Hand. Seine Finger waren schwitzig.

„Frau Neumann?“, sagte er.

Sie blickte auf. „Ja, Jonas?“

Jonas holte Luft. „Hier ist der Zettel. Unterschrieben.“ Er reichte ihn ihr. Dann sagte er, schneller, damit er nicht wieder zurückruderte: „Und… ich hab den ersten verloren und dann… so getan, als wäre es nicht schlimm. Ich wollte keinen Ärger. Aber dann war es irgendwie schlimmer.“

Frau Neumann nahm den Zettel und sah Jonas ruhig an. „Danke, dass du das sagst.“

Jonas blinzelte. Er hatte mit einem Vortrag gerechnet. Oder mit einem „Das geht gar nicht“.

„Weißt du“, sagte Frau Neumann, „ich habe auch schon Dinge aus Angst verschwiegen. Das passiert. Wichtig ist, dass du gemerkt hast, wie es sich anfühlt, und dass du jetzt anders handeln willst.“

Jonas spürte, wie seine Schultern ein bisschen sanken. „Ja. Ich will das üben.“

Frau Neumann lächelte. „Dann hast du heute geübt. Und das Museum wird trotzdem stattfinden. Mit Mammut.“

„Super“, murmelte Jonas und musste grinsen.

In der Pause erzählte Jonas Tarek, dass er den Zettel abgegeben hatte. Tarek verzog das Gesicht. „Und? Gab's Stress?“

Jonas dachte an Dr. Keller, an Mamas „Danke“, an Frau Neumanns ruhige Stimme.

„Es war… okay“, sagte Jonas. Dann, weil er es diesmal nicht falsch machen wollte: „Ich hatte Angst vor Stress. Aber ehrlich sein war besser.“

Tarek guckte ihn an, als hätte Jonas gerade gesagt, er esse freiwillig Brokkoli. „Krass. Vielleicht probier ich das auch mal.“

Mia, die gerade dazukam, hob eine Augenbraue. „Was probierst du? Brokkoli?“

„Ehrlich sein“, sagte Jonas.

Mia nickte ernst, dann grinste sie. „Auch gut. Brokkoli kann warten.“

Kapitel 6: Das Bild, das bleibt

Der Museums-Ausflug eine Woche später war laut, warm und roch nach Jacken, Pausenbrot und alten Steinen. Jonas stand vor dem Mammut-Skelett und betrachtete die riesigen Rippen, die wie ein Gerüst aus einer anderen Zeit aussahen.

„Stell dir vor, das Ding hätte unsere Schule besucht“, flüsterte Tarek.

„Dann hätten wir größere Stühle gebraucht“, sagte Jonas.

Mia kicherte. „Und einen sehr großen Elternabend.“

Jonas lachte, und es fühlte sich leicht an. Nicht so, als wäre nie etwas gewesen. Eher so, als hätte er etwas gelernt, das ihm in den nächsten Jahren helfen würde.

Abends zu Hause war der Himmel dunkelblau, und in Jonas' Zimmer lag das weiche Licht seiner Nachttischlampe. Mama klopfte an die Tür und kam rein.

„Wie war's?“, fragte sie und setzte sich auf die Bettkante.

„Gut“, sagte Jonas. „Und… Mama?“

„Hm?“

Jonas spürte kurz das alte Ziehen, dieses Reflexgefühl, auszuweichen. Dann erinnerte er sich an den Satzanfang, der wie eine kleine Brücke war.

„Ich habe manchmal noch Angst, dass du sauer wirst“, sagte Jonas. „Aber ich will's trotzdem sagen, wenn was ist.“

Mama strich ihm kurz über die Haare. „Das reicht mir. Nicht perfekt sein. Nur ehrlich versuchen.“

Jonas nickte. Als Mama das Licht ausmachte, blieb die Tür einen Spalt offen. Aus dem Flur kam ein Streifen warmes Licht, und irgendwo klapperte leise Geschirr.

Jonas dachte an den Tag: an das Mammut, an das Lachen seiner Freunde, an Dr. Kellers ruhige Stimme, an Mamas „Danke“. In seinem Kopf entstand ein Bild, das sich anfühlte wie eine Decke: Er, der den Zettel abgibt, die Wahrheit sagt, und die Welt geht nicht unter. Sie wird sogar ein bisschen heller.

Mit diesem Bild schlief Jonas ein.

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Elternabend
Ein Treffen in der Schule, bei dem Eltern und Lehrer über die Klasse sprechen.
Einverständniserklärung
Ein schriftliches Formular, das erlaubt, dass ein Kind an etwas teilnimmt.
Projektwoche
Eine Woche in der Schule mit besonderen Projekten statt normalem Unterricht.
Notenübersicht
Eine Liste, die zeigt, welche Schulnoten ein Schüler bekommen hat.
Notlüge
Eine kleine Lüge, die jemand sagt, um Probleme oder Streit zu vermeiden.
Paralleluniversum
Ein vorstellbarer Ort, wo Dinge anders passieren als in unserer Welt.
Enttäuschung
Das Gefühl, wenn etwas nicht so gut ist wie erhofft oder erwartet.
Kinder- und Jugendpsychiater
Ein Arzt, der Kindern bei Gefühlen und Problemen im Kopf hilft.
Lügen-Spirale
Eine Reihe von Lügen, die immer mehr werden und die Wahrheit verdecken.
Reparieren
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