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Prinzessin- und Prinzenmärchen 7/8 Jahre Lesen 14 min.

Der verlorene Handschuh und die Brücke der Zweifel

Prinzessin Mira verliert einen Handschuh und macht sich mit Freunden auf eine Reise durchs Königreich Lichterfels, auf der sie Rätsel, zauberhafte Begegnungen und kleine Lebensweisheiten entdeckt.

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Prinzessin Mira, Mädchen ca. 9–10 Jahre, rundes Gesicht, helle kastanienbraune Zöpfe, entschlossenes Lächeln, trägt ein leichtes elfenbeinfarbenes Kleid und weiße Seidenhandschuhe — sie hält einen wiedergefundenen weißen Handschuh an die Wange und schaut zum Fluss; Sir Balduin, Junge ca. 11–12, junger Ritter mit poliertem Helm unter dem Arm, schlichter Rüstungsstil und Blume am Helm, steht schützend neben ihr; Puck, kleines nichtmenschliches Wesen von Tassengröße, beiges flauschiges Fell und schelmische runde Augen, fliegt oder sitzt in der Nähe mit einer weißen Feder; Ort: alte steinerne Brücke über einem schimmernden kleinen Fluss, moosbedeckte Steine, goldener Pavillon im Hintergrund, Glasklaternen und Zweige, Abendhimmel in Rosa und Gold; Szene: intime freudige Wiedervereinigung auf der Brücke, zentrale Komposition, warme Pastelltöne, weiches Abendlicht, detaillierte Stoff‑ und Steintexturen. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der fehlende Handschuh

Im Königreich Lichterfels standen die Türme so hoch, als wollten sie den Wolken höflich die Hand geben. Zwischen ihnen spannten sich steinerne Brücken wie graue Regenbögen, und in den goldenen Sälen klangen Musik und Geschichten den ganzen Tag – mal wie leises Wasser, mal wie fröhliche Trommeln.

Prinzessin Mira war flink wie ein Sonnenstrahl, der durch ein Fenster huscht. Heute trug sie ihr Festkleid, und dazu gehörten zwei seidige Handschuhe, weiß wie frischer Schnee. Doch als sie vor dem Spiegel einen kleinen Hofknicks übte, merkte sie es: Der linke Handschuh war weg.

„Oh nein…“ Mira drehte sich einmal um sich selbst, als könnte der Handschuh dabei aus der Luft fallen. „Wo bist du nur, du frecher Fäustling?“

Ihre Zofe Lene lächelte sanft. „Vielleicht hat er sich versteckt, Hoheit. Handschuhe sind manchmal wie kleine Vögel. Sie flattern gern davon, wenn man nicht hinsieht.“

„Dann werde ich ihn wieder einfangen“, sagte Mira entschlossen. „Heute Abend ist die große Erzählstunde. Ohne meinen Handschuh fühle ich mich… halb angezogen.“

Aus der Ecke räusperte sich ein alter Lautenspieler. Er hieß Meister Jorin, und sein Bart war so silbrig, als hätte der Mond ihn gekämmt. „Prinzessin“, sagte er, „ein verlorener Handschuh ist nicht nur ein Kleidungsstück. Manchmal ist er ein Zeichen. Das Königreich spricht in kleinen Rätseln.“

Mira legte den Kopf schief. „Ein Zeichen wofür?“

Meister Jorin zwinkerte. „Für eine Reise. Aber keine Sorge, in Lichterfels reisen sogar die Sorgen auf weichen Sohlen.“

Mira kicherte. „Dann komme ich mit. Lene, sag dem Küchenchef, er soll mir ein Honigbrötchen einpacken. Und du, Meister Jorin, spiel mir ein Mut-Lied!“

Die Laute sang, als Mira die Treppe hinunterlief. Ihre Schritte klangen wie Perlen, die über Stein rollen. Im Flur hing ein Wandteppich mit einer gestickten Brücke. Mira blieb kurz stehen. Auf dem Bild leuchtete die Brücke wie ein goldener Faden über einem Fluss.

„Vielleicht führt mein Handschuh genau dahin“, murmelte sie, und ihre Augen funkelten wie zwei kleine Kronen.

Kapitel 2: Flüstern in den goldenen Sälen

Zuerst suchte Mira dort, wo Geschichten wohnen: in der Großen Halle. Die Decke war so hoch, dass man meinen konnte, ein Riese habe sie gebaut. An den Wänden glänzten goldene Bilderrahmen, und zwischen ihnen standen Statuen, die so taten, als würden sie zuhören.

In der Mitte probte das Hoforchester. Die Flöten tanzten, die Trommeln nickten, und die Geigen schlängelten sich wie freundliche Schlangen durch die Luft.

Mira ging zu Kapellmeisterin Sanna, die gerade den Taktstock hob. „Frau Sanna“, fragte Mira höflich, „haben Sie zufällig einen weißen Handschuh gesehen? Er ist ungefähr so groß wie ein…“ Sie hielt ihre Hand hoch. „…wie ein kleiner Mond für die Hand.“

Sanna lachte leise. „Ein Mondhandschuh! Nein, Hoheit. Aber ich habe etwas anderes gesehen.“ Sie deutete auf einen Notenständer. Dort lag ein kleines Papier, sorgfältig gefaltet.

Mira nahm es vorsichtig, als wäre es ein Schmetterling. Darauf stand in runder Schrift:

„Wer etwas sucht, der findet mehr als nur das Gesuchte. Folge dem Klang, bis er zur Brücke wird.“

„Der Klang…“ Mira spitzte die Ohren. Aus dem offenen Fenster kam ein fernes Läuten, als würde jemand mit einem Löffel an ein Glas tippen.

„Hört ihr das?“ fragte Mira.

Ein junger Trompeter rief: „Das ist die Windglocke am Steintor! Die klingelt nur, wenn der Wind in die richtige Richtung denkt.“

Mira strahlte. „Dann denkt der Wind heute sehr klug.“

Sie lief weiter durch die goldenen Gänge. Die Sonne malte helle Streifen auf den Boden, wie lange, freundliche Katzen. An einer Tür stand der Hofbibliothekar, Herr Fenn, mit einem Stapel Bücher. Seine Brille saß so schief, als wolle sie auch ein Abenteuer erleben.

„Herr Fenn!“ Mira blieb stehen. „Ich suche meinen Handschuh. Haben Sie ihn zwischen den Seiten versteckt?“

Herr Fenn tat erschrocken. „Ich? Niemals! Bücher sind schon voll genug mit Buchstaben.“ Dann beugte er sich verschwörerisch zu ihr. „Aber ich habe heute Morgen einen kleinen weißen Zipfel aus dem Märchenregal blitzen sehen. Ich dachte, es wäre ein Taschentuch. Vielleicht war es… Ihr Mondhandschuh.“

„Das Märchenregal!“ rief Mira und huschte in die Bibliothek.

Dort roch es nach Papier und Ruhe. Die Regale standen wie brave Soldaten, und die Bücher flüsterten miteinander, sobald Mira vorbei ging. „Schschsch…“ machten sie, aber es klang nicht streng, eher wie ein Geheimnis.

Mira fand das Märchenregal. Tatsächlich steckte dort etwas Weißes zwischen „Die sieben Kristallfische“ und „Der höfliche Drache“. Mira zog – und hielt… eine weiße Feder in der Hand.

„Na toll“, seufzte sie. „Eine Feder. Aber kein Handschuh.“

Da knackte es oben auf dem Regal. Ein kleines Wesen mit runden Augen, so groß wie eine Teetasse, schaute herunter. Es trug einen winzigen Umhang aus Staubfäden.

„Das ist meine Feder!“ piepste es.

Mira erschrak nur kurz, denn das Wesen sah eher aus wie ein vergessener Keks, der plötzlich sprechen kann. „Oh! Entschuldigung. Ich dachte, es wäre mein Handschuh.“

„Ein Handschuh?“ Das Wesen sprang leichtfüßig herunter. „Ich bin Puck, der Regalwicht. Ich sammle Federn, weil sie die Wörter kitzeln. Aber dein Handschuh… ja, ja! Der ist vorbeigeschlichen.“

„Wohin?“ Mira kniete sich hin, damit sie auf Augenhöhe waren.

Puck deutete mit seiner Feder wie mit einem Königszepter. „Er wollte zur Windglocke am Steintor. Er sagte, er müsse ‚den Fluss grüßen‘.“

Mira blinzelte. „Mein Handschuh spricht?“

Puck nickte ernst, als sei das die normalste Sache der Welt. „In einem Zauberreich sprechen viele Dinge, nur nicht immer laut. Manche reden mit Fäden, manche mit Duft, manche mit einem kleinen Ziehen im Herzen.“

Mira spürte tatsächlich ein sanftes Ziehen – wie ein freundlicher Finger, der sie Richtung Tor stupste. „Dann komme ich“, sagte sie. „Danke, Puck.“

Puck verbeugte sich tief. „Gern. Und denk daran: Wer etwas festhalten will, muss manchmal erst loslassen.“

Mira nahm die weiße Feder als Pfand. „Ich bringe sie zurück“, versprach sie, und eilte hinaus.

Kapitel 3: Der Weg aus Stein und Lied

Draußen im Burghof spielten Sonnenpunkte Fangen. Mira lief über die alten Pflastersteine, vorbei an einem Brunnen, der plätscherte wie eine lachende Geschichte. Am Steintor hing die Windglocke: kleine Silberröhrchen, die im Wind miteinander tuschelten.

„Kling-kling“, machte sie, sobald Mira näher kam.

Am Tor wartete Sir Balduin, der junge Ritter, der eigentlich mehr Gedichte als Schwerter liebte. Sein Helm war poliert, aber an der Seite steckte eine Blume.

„Prinzessin Mira“, sagte er und verbeugte sich so tief, dass die Blume fast aus dem Helm fiel. „Der Wind hat mir gesagt, du bist unterwegs.“

„Der Wind redet heute wirklich viel“, meinte Mira. „Hast du meinen Handschuh gesehen? Weiß, seidig, ein bisschen geschniegelt.“

Balduin deutete auf den Weg, der hinaus führte. „Ein weißes Ding flog an mir vorbei. Es sah aus wie ein Schwan, der sich als Kleidungsstück verkleidet hat. Es tanzte Richtung Flussbrücke.“

„Dann ist es wahr!“ Mira klatschte in die Hände. „Mein Handschuh ist ein Schwan!“

Balduin lachte warm. „Oder ein Handschuh mit Fernweh.“

Gemeinsam gingen sie den Weg entlang. Zu beiden Seiten standen hohe Laternen, obwohl es Tag war. Ihre Gläser schimmerten, als hätten sie kleine Sterne eingefangen. Aus der Ferne hörte man Musik – nicht vom Orchester, sondern vom Land selbst: das Rascheln der Bäume, das Summen der Bienen, das Kichern des Baches.

Mira nahm einen tiefen Atemzug. „Alles klingt, als würde es mich führen.“

Balduin nickte. „Manchmal ist Mut wie ein Lied. Es wird lauter, wenn man mitgeht.“

Unterwegs begegneten sie einer alten Marktfrau mit einem Korb voller Äpfel. Die Äpfel waren rot wie winzige Könige.

„Habt Ihr einen Handschuh gesehen?“ fragte Mira.

Die Marktfrau zwinkerte. „Einen? Nein. Aber ich habe gesehen, wie du gefragt hast. Und das ist schon etwas.“ Sie reichte Mira einen Apfel. „Für kluge Fragen.“

Mira nahm ihn. „Danke. Meine Mutter sagt immer: Eine Frage ist eine Tür.“

„Und eine Antwort manchmal eine Brücke“, sagte Balduin leise.

Der Weg wurde steiniger, und bald hörten sie das Rauschen des Flusses. Er klang nicht wild, eher wie eine tiefe Stimme, die ein Schlaflied brummt.

Da sah Mira es: Vor ihnen spannte sich eine alte Brücke aus hellen Steinen über das Wasser. Moos wuchs zwischen den Fugen wie grüner Samt. Auf der anderen Seite stand ein kleiner Pavillon, dessen Dach mit goldenen Schindeln glänzte.

„Die Flussbrücke“, flüsterte Mira. „Sie sieht aus, als hätte sie schon tausend Geheimnisse getragen.“

„Und heute trägt sie unseres“, sagte Balduin.

Kapitel 4: Der Handschuh und die Brücke

Am Anfang der Brücke stand ein Schild, darauf in verschnörkelten Buchstaben:

„Wer hinübergeht, geht nicht nur über Wasser, sondern auch über Zweifel.“

Mira legte die Hand auf das Geländer. Der Stein war warm, als hätte er gerade ein Sonnenbad genommen. „Ich habe ein kleines bisschen Zweifel“, gab sie zu. „Was, wenn der Handschuh weg ist? Was, wenn ich ihn nie finde?“

Balduin deutete auf den Fluss. „Siehst du das Wasser? Es verliert nie den Mut, weiterzufließen. Und doch bleibt es immer Wasser.“

Mira lächelte. „Das ist eine schöne Weisheit. Du solltest sie aufschreiben.“

„Vielleicht schreibe ich sie in einen Handschuh“, witzelte Balduin.

Mira kicherte, und ihr Zweifel wurde leichter, wie ein Rucksack, aus dem man einen Stein nimmt.

Sie gingen los. Schritt für Schritt. Die Brücke knirschte leise, als würde sie erzählen: „Eins, zwei, drei…“ In der Mitte der Brücke wehte plötzlich eine sanfte Brise. Die Windglocke am Tor war schon weit weg, doch hier klang es trotzdem, als würde ein unsichtbares Glöckchen läuten.

Und da sah Mira ihn: Auf einem Steinvorsprung lag ihr linker Handschuh. Er sah völlig unschuldig aus, als hätte er die ganze Zeit dort geschlafen. Neben ihm lag ein kleiner glänzender Kiesel, der in allen Farben schimmerte.

„Da bist du ja!“ rief Mira, hob den Handschuh hoch und drückte ihn an die Wange. Er war kühl und weich.

Balduin beugte sich über den Kiesel. „Und das hier?“

Mira nahm den Kiesel. In seinem Inneren schien ein winziger Regenbogen zu wohnen. Als sie ihn ans Ohr hielt, hörte sie ein Flüstern, wie eine sehr, sehr kleine Stimme: „Danke, dass du gesucht hast.“

Mira schaute den Handschuh an. „Warst du das?“

Natürlich sagte der Handschuh nichts laut. Aber Mira spürte ein warmes Kribbeln in der Handfläche, als sie ihn anzog. Es fühlte sich an wie ein freundlicher Händedruck.

Plötzlich bemerkte sie auf dem Geländer kleine eingeritzte Zeichen. Es waren viele Namen und daneben winzige Symbole: ein Stern, ein Blatt, ein Herz, eine Krone. Mira verstand: Viele waren hier gegangen, mit Sorgen oder Fragen, und hatten Mut dagelassen wie Brotkrumen.

„Vielleicht wollte der Handschuh, dass ich hierherkomme“, sagte Mira nachdenklich. „Nicht nur, um ihn zu finden. Sondern um zu lernen, dass Suchen nicht schlimm ist.“

Balduin nickte. „Und dass man unterwegs Hilfe bekommt. Von einer Marktfrau, einem Regalwicht… und sogar vom Wind.“

Mira lachte. „Der Wind ist wirklich sehr diplomatisch. Er schubst, aber er drängelt nicht.“

Sie drehte sich einmal im Kreis, das Kleid wehte, und der Fluss antwortete mit einem glitzernden Blinzeln. Mira steckte den Regenbogenkiesel in die Tasche. „Ein Zeichen“, murmelte sie. „Meister Jorin hatte recht.“

Dann gingen sie weiter. Das Ende der Brücke rückte näher, und Mira fühlte sich größer, nicht im Körper, sondern im Herzen – als hätte sie innen eine kleine Treppe erklommen.

Als sie die andere Seite erreichten, blieb Mira stehen. „Balduin“, sagte sie, „ich glaube, Weisheit ist wie eine Brücke. Man baut sie aus vielen kleinen Schritten: fragen, zuhören, mutig sein.“

Balduin verbeugte sich. „Und manchmal aus einem verlorenen Handschuh.“

Mira nickte feierlich. „Und aus einem gefundenen.“

Hand in Handschuh, Schritt für Schritt, gingen sie weiter in das helle Land hinter der Brücke, während hinter ihnen die Steine leise sangen und das Königreich Lichterfels in goldenen Fenstern funkelte.

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Zofe
Eine Frau, die einer Prinzessin bei Kleidung und Alltag hilft.
Lautenspieler
Ein Musiker, der ein altes Saiteninstrument spielt.
Laute
Ein rundes, gezupftes Musikinstrument mit Saiten.
Hoforchester
Gruppe von Musikern, die im Schloss zusammen spielen.
Kapellmeisterin
Die Leiterin der Musiker im Schloss, sie gibt den Takt an.
Notenständer
Ein Gestell, das Musiknoten hält, damit man sie lesen kann.
Märchenregal
Ein Regal mit Büchern, speziell für Märchen und Geschichten.
Regalwicht
Ein kleines, erfundenes Wesen, das in Regalen lebt.
Pavillon
Ein offener, hübscher Bau im Garten zum Ausruhen.
Geländer
Eine Stange am Rand einer Brücke oder Treppe zum Festhalten.

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