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Geschichte vom versteckten Schatz 11/12 Jahre Lesen 22 min.

Der stille Funke und der geheime Schattenmarkt unter der Stadt

Zwei Kinder finden einen geheimnisvollen Brief und den „Stillen Funken“ und folgen Hinweisen durch die Unterstadt, um einen illegalen Schwarzmarkt aufzudecken.

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Die Hauptfigur ist ein etwa 12-jähriger Junge mit rundem Gesicht und strubbeligen kastanienbraunen Haaren, entschlossenem, staunendem Blick, der eine kleine Holzschachtel an die Brust presst und mit Kreide eine weiße Linie auf einen groß glitzernden Flachstein zieht; das Mädchen, ebenfalls ca. 12, mit kurzen schwarzen Haaren und schelmischem Ausdruck hockt neben ihm und zeigt auf eine zusammengerollte Karte, eine ausgeschaltete Taschenlampe liegt zu ihren Füßen; eine dritte Person ist nur angedeutet durch eine kleine Metallmünze mit eingraviertem Kompass auf dem Stein, die warm leuchtet; der Ort ist ein unterirdischer Tunnel aus abgenutzten roten Ziegeln mit feuchtem Steinboden und grünen Moosflecken, aus dem Stein fällt weiches goldenes Licht und beleuchtet schwebende Wassertropfen; die Szene zeigt die Kinder bei der Entdeckung eines „singenden Steins“ mit feinen Lichtlinien auf der Oberfläche und goldenen Partikeln, die zur offenen Schachtel wirbeln, in einer geheimnisvollen, warmen Atmosphäre. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der Brief im Atlas

Noah war zwölf und konnte an keinem alten Buch vorbeigehen, ohne kurz daran zu riechen. Staub, Papier, Geheimnis – das war wie ein Versprechen. In der Stadtbibliothek half er manchmal aus, weil Frau Klee ihm dafür „magische“ Dinge zeigte: Karten mit eingerissenen Rändern, Tagebücher mit seltsamen Flecken und einmal sogar eine Muschel, in der es wirklich rauschte.

An diesem Nachmittag zog Noah einen schweren Atlas aus dem Regal „Reisen, die keiner mehr macht“. Beim Aufklappen knisterte etwas. Ein Umschlag rutschte heraus und landete auf dem Tisch, als hätte er nur auf Noah gewartet.

Auf dem Umschlag stand in krakeliger Schrift: „Für den, der mutig genug ist, Nein zu sagen.“

Noah schluckte. „Das klingt… wie Ärger.“

Frau Klee stellte gerade Bücher zurück. „Was klingt wie Ärger?“

Noah hielt den Umschlag hoch. Frau Klees Augen wurden schmal, aber nicht böse – eher vorsichtig, wie bei einer Katze, die ein Geräusch hört.

„Oh“, sagte sie leise. „Der ist also wieder aufgetaucht.“

„Wieder?“ Noahs Herz klopfte schneller.

Frau Klee setzte sich ihm gegenüber. „Du entscheidest, ob du ihn öffnest. Aber wenn du es tust, dann… mach es ordentlich. Lies genau.“

Noah nickte, riss den Umschlag auf und zog ein gefaltetes Blatt heraus. Darin lag eine dünne Metallmünze mit einem Kompass darauf. Der Pfeil war nicht gemalt – er war eingraviert, und das Metall fühlte sich ungewöhnlich warm an.

Der Brief begann:

„Wenn du das liest, hast du den ersten Schritt gemacht. Unter unserer Stadt wird verkauft, was nicht verkauft werden darf. Wer damit Geld macht, denkt, Mut sei käuflich. Beweise das Gegenteil.

Finde den Schatz, den wir ‚den Stillen Funken‘ nennen. Tausche ihn ein – nicht gegen Gold, sondern gegen ein Versprechen: Das illegale Verkaufen muss aufhören.

Die erste Spur liegt dort, wo die Uhr nie richtig geht.“

Noah starrte auf die Worte. „Unter unserer Stadt?“

Frau Klee zog die Brille ab. „Es gibt Menschen, die verdienen an Dingen, die sie nicht besitzen. Alte Fundstücke, geschützte Tiere, seltene Steine. Alles, was glänzt – außer Anstand.“

Noah merkte, wie ihm warm wurde. Nicht nur vor Angst. Auch vor Wut.

„Und ich soll… handeln? Wie auf einem Markt?“

„Du sollst kreativ sein“, sagte Frau Klee. „Und klug. Und du brauchst Mut. Der Brief klingt, als hätte jemand lange auf den richtigen Menschen gewartet.“

Noah schaute auf die Metallmünze. Der eingravierte Kompass funkelte kurz, als hätte er gelächelt.

„Wo geht eine Uhr nie richtig?“, murmelte Noah.

Frau Klee hob eine Augenbraue. „Frag nicht mich. Frag die Stadt.“

Kapitel 2: Die Uhr, die nie richtig geht

Noah radelte nach Hause, das Blatt Papier in seiner Jackentasche wie ein kleiner Motor. Er dachte an Uhren. Die Bahnhofsuhr? Die Kirchturmuhr? Die Küchen-Uhr seiner Mutter, die immer drei Minuten vor ging, „damit wir nicht trödeln“?

Dann fiel ihm etwas ein: das alte Karussell im Stadtpark. Es stand seit Jahren still, aber am Eingang hing noch eine große Uhr. Noah erinnerte sich, dass sie manchmal stehen blieb und manchmal rückwärts lief, wenn der Wind stark war.

Am Abend schlich er sich raus. Der Park war fast leer, nur ein Hund schnüffelte beleidigt im Gras. Das Karussell sah im Mondlicht aus wie ein schlafendes Tier.

Noah trat näher. Die Uhr am Eingang zeigte 13:88.

„Das ist ja… eindeutig falsch“, flüsterte er.

Plötzlich knackte es hinter ihm.

„Wenn du das Karussell weckst, wird's böse“, sagte eine Stimme.

Noah fuhr herum. Ein Mädchen lehnte am Zaun, ungefähr in seinem Alter. Kurze Haare, wacher Blick. In der Hand hielt sie eine Taschenlampe, die sie nicht auf Noah, sondern auf den Boden richtete, als wolle sie nicht zu aufdringlich sein.

„Wer bist du?“, fragte Noah.

„Mira. Ich wohne da drüben. Und du bist gerade dabei, ein Geheimnis zu stolpern.“

Noah hob das Kinn. „Ich stolpere nie.“

Mira grinste. „Natürlich. Du fliegst nur manchmal elegant.“

Noah musste trotz allem kurz lachen. Dann zeigte er ihr den Brief. Sie las schnell, als wäre Lesen ein Sport.

„Illegale Verkäufe“, murmelte sie. „Mein Onkel arbeitet beim Ordnungsamt. Er sagt, es gibt Leute, die nachts Kisten aus Kellern tragen. Und keiner weiß, was drin ist.“

„Dann hilfst du mir?“, fragte Noah, bevor er es sich anders überlegen konnte.

Mira knipste die Taschenlampe aus und an. „Kommt drauf an. Hast du einen Plan oder nur Drama?“

Noah deutete auf die Uhr. „Hier muss die Spur sein.“

Sie gingen zum Karussell. Die Holzpferde standen staubig, als hätten sie die Augen zu. Unter dem Eingangsbogen war ein kleiner Schacht, kaum sichtbar. Noah kniete sich hin und tastete. Seine Finger stießen gegen Metall: eine Klappe.

„Da“, flüsterte er.

Die Klappe ließ sich nur öffnen, wenn man die Uhr richtig stellte. Mira probierte an den Zeigern, und Noah schob vorsichtig. Nichts.

„13:88 ist Quatsch“, sagte Mira. „Vielleicht ist es ein Code. 13… 88…“

Noah dachte an den Atlas. „Im Brief stand: Lies genau.“

Er las erneut: „Dort, wo die Uhr nie richtig geht.“

„Nie richtig“, wiederholte Mira. „Also ist richtig… nicht das Ziel.“

Sie zeigte auf die Uhr. „Vielleicht muss sie etwas Unmögliches zeigen, damit sie ‚nie richtig‘ ist.“

Noah zog die Zeiger vorsichtig – bis sie auf 00:00 standen. Die Uhr machte ein leises „Klick“, als hätte sie endlich aufgehört, sich anzustrengen.

Die Klappe sprang auf.

Darin lag ein Stück Kreide und eine gerollte Karte. Auf der Karte war der Stadtpark gezeichnet – aber unter ihm verliefen Linien, wie ein zweites Netz. Unten stand: „Unter der Stadt beginnt die Wahrheit.“

Und ein weiterer Satz: „Folge dem Geruch von Zimt bis zum Stein, der singt.“

Mira schnupperte übertrieben. „Ich rieche… nichts. Außer altes Pferd.“

Noah hielt die Kreide hoch. „Vielleicht müssen wir markieren.“

„Oder backen“, sagte Mira. „Zimt klingt nach Keksen. Ich bin dabei.“

Kapitel 3: Zimtspuren und ein singender Stein

Am nächsten Morgen trafen sie sich vor der Bäckerei „Korn & Kruste“. Schon an der Tür roch es nach Zimt, warm und weich, als würde die Luft jemanden umarmen.

Noah zeigte Mira die unterirdischen Linien auf der Karte. Eine Linie begann direkt hinter der Bäckerei und führte zu einem Punkt, der „S“ markiert war.

„S wie… singender Stein“, sagte Noah.

Mira kaufte zwei Zimtschnecken, „für Energie und Mut“, und schob Noah eine in die Hand. „Mut braucht Zucker.“

Sie gingen hinter die Bäckerei, wo eine schmale Gasse zwischen zwei Häusern lag. An der Wand war ein alter Lüftungsschacht, aus dem es tatsächlich nach Zimt duftete – als ob die Bäckerei heimlich ihren Atem dort ausatmete.

„Da runter?“, fragte Noah. Der Schacht war zu klein.

Mira zeigte auf eine Bodenplatte daneben, halb lose. „Oder da.“

Gemeinsam hebelten sie die Platte hoch. Darunter: eine rostige Leiter, die in Dunkelheit führte.

Noah spürte dieses Ziehen im Bauch. Angst, ja. Aber auch Neugier, die viel lauter war. Er hielt die Karte fest.

„Wenn wir runtergehen“, sagte er, „gehen wir auch wieder hoch.“

„Klar“, antwortete Mira. „Oder wir werden Kellergeister und ärgern Leute, die illegale Sachen verkaufen.“

Noah grinste. „Das wäre kreativ.“

Sie stiegen hinab. Unten war es kühl, und das Licht aus Miras Taschenlampe zerschnitt die Dunkelheit in schmale Streifen. Ein Tunnel führte weiter, die Wände waren aus altem Backstein. Man hörte Tropfen, irgendwo weit weg.

„Unsere Stadt hat einen zweiten Bauch“, flüsterte Noah.

„Und hoffentlich keinen schlechten Atem“, sagte Mira.

Sie folgten der Karte. An einer Kreuzung war an der Wand ein kleines Zeichen eingeritzt: ein Kompasspfeil. Noah hielt die Metallmünze daneben. Der eingravierte Pfeil auf der Münze schien kurz zu zittern, als wäre er lebendig.

„Sie passt“, sagte Noah. „Das ist echt.“

Sie gingen weiter, bis der Tunnel in einen niedrigen Raum mündete. In der Mitte lag ein großer, flacher Stein – glatt wie eine Tischplatte. Als Noah näherkam, vibrierte die Luft. Es war kein lauter Ton, eher ein Summen, wie wenn man ein Glas anstößt.

„Er singt“, flüsterte Mira ehrfürchtig.

Noah legte die Hand auf den Stein. Das Summen wurde stärker, und plötzlich leuchteten feine Linien auf seiner Oberfläche auf – wie Kreide, aber aus Licht.

„Die Kreide!“, rief Mira. „Die war nicht zum Malen. Die war… der Schlüssel!“

Noah nahm die Kreide aus der Tasche und zog eine Linie über den Stein, genau entlang einer leuchtenden Rille. Es klickte, und in der Steinplatte öffnete sich ein schmaler Schlitz. Daraus glitt eine kleine Holzschachtel.

Noah öffnete sie. Innen lag ein dünnes Heft und ein winziger Glasflakon mit goldenem Staub. Der Staub schimmerte, als hätte jemand Sonnenlicht gesammelt.

Im Heft stand: „Der Stille Funke ist kein Reichtum zum Behalten. Er ist Mut in der Tasche. Er zeigt, was verborgen ist – aber nur, wenn du ihn nicht missbrauchst.“

Mira hob den Flakon. „Das ist… der Schatz? Goldstaub?“

„Vielleicht etwas anderes“, sagte Noah. „Im Brief stand, wir sollen ihn eintauschen. Nicht verkaufen.“

Plötzlich hörten sie Stimmen. Gedämpft, aber nah. Schritte, schwer und eilig.

Mira blies ihre Taschenlampe aus. „Licht aus.“

Noah presste die Schachtel an sich. Die Stimmen kamen näher.

„…hab gehört, jemand war am Karussell“, sagte ein Mann.

„Dann schnappen wir ihn. Ohne Spuren“, sagte ein anderer.

Noah hielt den Atem an. Sein Herz klopfte so laut, dass er dachte, es müsste durch die Wände dringen.

Mira beugte sich zu ihm. Ganz leise: „Kreativität. Jetzt.“

Noah dachte fieberhaft. Der Zimtgeruch… die Bäckerei… der Tunnel. Er zog die Zimtschnecke aus der Tasche – halb zerdrückt, aber noch duftend – und warf sie in einen Seitengang. Dann nahm er ein kleines Steinchen und schnippte es hinterher, damit es klackerte.

Die Männerstimmen stoppten.

„Da!“, zischte einer.

Schritte rannten in den Seitengang.

Noah und Mira schlichen in die andere Richtung, so leise sie konnten. Noahs Knie zitterten, doch er zwang sich, ruhig zu atmen. Jeder Atemzug war ein kleines Stück Mut.

Als sie wieder an der Leiter waren, flüsterte Mira: „Du hast gerade jemanden mit einer Zimtschnecke ausgetrickst.“

„Sie war eh zu trocken“, flüsterte Noah zurück. Humor fühlte sich an wie ein Helm.

Kapitel 4: Der Handel mit dem Schattenmarkt

Wieder oben, im Tageslicht, fühlte sich alles zu hell an, als hätten ihre Augen noch im Tunnel gewohnt. Sie versteckten sich hinter einem Busch im Park und lasen das Heft weiter.

Zwischen den Seiten war eine Adresse: „Gleis 9B, alter Güterschuppen. Mitternacht. Bring den Stillen Funken.

Mira zog die Stirn kraus. „Gleis 9B gibt's offiziell gar nicht.“

Noah steckte den Flakon weg. „Das ist wohl der Punkt.“

Am Abend erzählte Noah seiner Mutter, er würde bei Mira lernen. Mira erzählte ihrer Oma, sie würde Noah Mathe erklären. Beides war nicht komplett gelogen: Sie würden wirklich rechnen müssen, nur anders.

Kurz vor Mitternacht schlichen sie zum Bahnhof. Der normale Teil war beleuchtet, freundlich, langweilig. Doch hinter einem Zaun, wo nur noch Schienen ins Dunkel führten, stand ein alter Güterschuppen. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt, aber irgendwo drin glomm Licht.

„Bereit?“, fragte Mira.

Noah nickte. „Wenn nicht, tu ich so.“

Sie fanden eine Lücke im Zaun und krochen hindurch. Hinter dem Schuppen hörten sie leises Murmeln, das Klirren von Metall, das Rascheln von Karton.

Noah spähte durch einen Spalt. Drinnen standen mehrere Menschen an Tischen. Kisten wurden geöffnet: alte Münzen, kleine Statuen, sogar ein Käfig mit einem seltsamen Vogel, der nervös flatterte.

Noahs Magen zog sich zusammen. „Das ist es.“

Eine Gestalt mit dunkler Jacke stand in der Mitte. „Die Ware geht heute raus. Keine Fragen. Kein Theater.“

Mira flüsterte: „Und wir? Wir sind zwei Kinder. Die werden uns auslachen.“

Noah dachte an den Brief: „Beweise das Gegenteil.“ Er nahm den Flakon heraus, aber hielt ihn fest. „Der Stille Funke zeigt, was verborgen ist“, hatte das Heft gesagt.

„Vielleicht zeigt er auch… wer hier das Sagen hat“, murmelte Noah.

Sie traten ein, bevor Noah es sich ausreden konnte.

Die Gespräche verstummten. Köpfe drehten sich. Ein Mann mit schmalem Gesicht sah sie an, als wären sie eine schlecht gelieferte Bestellung. „Was soll das?“

Noah hob den Flakon. „Ich habe etwas, das ihr wollt.“

Ein paar lachten. „Ein Kind mit Glitzer.“

Doch die Gestalt in der Mitte trat näher. „Zeig her.“

Noah spürte, wie seine Finger schwitzten. Jetzt durfte er nicht einknicken. „Nicht umsonst“, sagte er so fest, wie er konnte. „Ich tausche. Gegen das Ende eurer illegalen Verkäufe. Hier. Und jetzt.“

Stille. Dann ein raues Lachen. „Du willst uns Bedingungen stellen?“

Mira trat einen Schritt vor. „Ja. Und wir haben Beweise. Und wir wissen, wie man sie sichtbar macht.“

Noah hob den Flakon höher. „Wenn ihr nicht aufhört, öffne ich ihn. Und dann sehen alle, was ihr versteckt. Nicht nur in Kisten.“

Der Mann mit der dunklen Jacke kniff die Augen zusammen. „Drohst du mir mit… Staub?“

Noah machte den Deckel einen Millimeter auf. Ein feiner Strahl goldenes Leuchten stieg heraus – und plötzlich flackerte das Licht im Schuppen. Für einen Augenblick wurde die Luft klarer, als würde jemand unsichtbare Spinnweben wegwischen.

Und an den Händen des Mannes in der Mitte glomm etwas auf: eine Art dunkler Fleck, der aussah wie Tinte, die nicht abwaschbar war.

Mira flüsterte: „Das ist wie… ein Zeichen.“

Andere im Raum wichen zurück. Einer sagte: „Der Chef… hat das Mal.“

Die Gestalt erstarrte. „Deckel zu!“

Noah tat es – aber langsam. „Ein Versprechen“, sagte Noah. „Kein Verkauf mehr. Keine Tiere. Keine Fundstücke. Nichts.“

Ein älterer Mann am Rand schluckte. „Das ist der Funke. Ich dachte, der sei ein Märchen.“

Der „Chef“ blickte sich um. Sein Blick war plötzlich nicht mehr sicher. Der Funke hatte etwas enthüllt: Nicht nur Schuld, sondern auch Angst, entdeckt zu werden.

Noah spürte, wie Mut in ihm wuchs, nicht wie ein Feuer, eher wie eine stabile Mauer. „Ihr könnt aufhören, bevor es schlimmer wird.“

Mira zog ihr Handy heraus. „Und bevor mein Onkel zufällig heute Nacht einen Tipp bekommt.“

„Du bluffst“, knurrte der Chef.

Mira lächelte dünn. „Kreativität, weißt du.“

Ein paar der anderen wechselten Blicke. Einer schob eine Kiste zurück. Ein anderer stellte den Käfig vorsichtig auf den Boden, als wäre ihm plötzlich aufgefallen, dass da ein Lebewesen drin war.

Der Chef presste die Lippen zusammen. „Was willst du noch?“

Noah dachte an das Heft. Der Schatz war nicht zum Behalten. „Ein Zeichen“, sagte er. „Dass ihr's ernst meint. Lasst den Vogel frei. Und gebt die Kisten raus. An die Polizei. Selbst.“

„Selbst?“ Der Chef klang, als hätte Noah ihn gebeten, freiwillig in eine Pfütze zu setzen.

„Selbst“, wiederholte Noah. „Das ist euer Teil vom Tausch.“

Lange Sekunden passierte nichts. Dann machte der Chef eine kurze Bewegung. Einer seiner Leute öffnete den Käfig. Der Vogel flog heraus, schoss durch ein offenes Fensterloch und war weg. Nur ein paar Federn wirbelten.

Noah atmete aus. Ein Knoten in ihm löste sich ein Stück.

„Gut“, sagte der Chef leise, als würde jedes Wort ihn Geld kosten. „Wir hören auf. Und… wir geben es ab.“

Noah hielt den Flakon fest. „Dann gehört er euch nicht. Der Funke bleibt nicht bei Leuten, die ihn missbrauchen könnten.“

Der Chef starrte ihn an, als hätte Noah gerade eine neue Regel erfunden. „Und wenn ich ihn dir einfach wegnehme?“

Mira stellte sich neben Noah, Schulter an Schulter. „Dann macht der Funke dich sichtbar. Und wir rennen. Und du erklärst später, warum du zwei Kinder jagst. Kreativität hat viele Beine.“

Ein paar Leute im Raum lachten nervös. Der Chef merkte, dass er nicht mehr der Einzige war, der bestimmen konnte.

„Verschwindet“, knurrte er schließlich. „Bevor ich es mir anders überlege.“

Noah nickte einmal, dann gingen sie rückwärts Richtung Tür, ohne den Blick von ihm zu nehmen. Erst draußen rannten sie, bis ihre Lungen brannten.

Im Schutz einer Hecke blieben sie stehen. Noah hielt den Flakon hoch. Er schimmerte ruhig, als wäre nichts passiert.

„Wir haben's geschafft?“, keuchte Mira.

Noah nickte. „Noch nicht ganz. Versprechen sind wie Seife. Man kann sie fallen lassen.“

Kapitel 5: Der Morgen danach

Am nächsten Tag warteten Noah und Mira in der Bibliothek, zwischen Regalen, die nach Ruhe rochen. Frau Klee kam mit einem Telefon in der Hand. Ihr Blick war wach, aber nicht überrascht.

„Es gab heute früh einen anonymen Hinweis“, sagte sie. „Am Güterschuppen standen Kisten. Und ein Käfig… leer. Die Polizei hat alles eingesammelt. Es laufen Ermittlungen.“

Mira verschränkte die Arme. „Anonym, hm?“

Frau Klee sah sie an. „Manchmal hilft es, wenn Mut einen Mantel trägt.“

Noah legte den Flakon und das Heft auf den Tisch. „Und was passiert jetzt mit dem Stillen Funken?“

Frau Klee nahm den Flakon nicht. Sie betrachtete ihn nur, als würde sie ein sehr helles Geheimnis ansehen. „Er gehört nicht mir. Er gehört auch nicht dir. Er gehört der richtigen Entscheidung, zur richtigen Zeit.“

Noah runzelte die Stirn. „Das klingt nach einem Rätsel.“

„Ist es auch.“ Frau Klee schob den Atlas heran, aus dem der Brief gefallen war. „Es gibt eine letzte Sache. Im Umschlag war doch eine Münze.“

Noah holte sie heraus. Der eingravierte Kompasspfeil zeigte nicht nach Norden. Er zeigte auf den Boden, direkt unter dem Bibliothekstisch.

Mira beugte sich vor. „Ähm… unter uns? Schon wieder?“

Frau Klee klopfte mit dem Finger auf eine Holzleiste. „Die Bibliothek ist älter, als sie aussieht.“

Noah kniete sich hin, fühlte die Kante – und fand eine kleine Vertiefung, genau in Form der Münze. Als er sie hineinlegte, gab es ein sanftes „Klack“. Eine schmale Schublade glitt aus der Wand.

Darin lag… eine Kompassnadel. Nicht wie ein normaler Kompass, eher ein kleiner, runder Kompass mit einem Glasdeckel. Daneben ein Zettel:

„Wer den Stillen Funken trägt, braucht Richtung. Aber nicht immer zeigt sie nach Norden. Manchmal zeigt sie nach dem, was richtig ist. Leg sie ab, wenn die Aufgabe endet.“

Noah nahm den Kompass vorsichtig heraus. Er fühlte sich schwerer an, als er aussah – als wären darin Entscheidungen gespeichert.

Mira flüsterte: „Das ist… irgendwie schön.“

Noah sah zu Frau Klee. „Also ist das das Ende?“

Frau Klee lächelte sanft. „Das Ende dieser Jagd. Aber wenn ihr kreativ bleibt, findet ihr immer neue Wege, Mut zu benutzen. Nicht als Waffe. Als Werkzeug.“

Noah schaute auf den Stillen Funken. Er dachte an den Vogel, der davongeflogen war. An die Kisten, die nicht mehr heimlich verschwanden. An seine Angst im Tunnel – und daran, dass er trotzdem gegangen war.

„Was machen wir mit dem Funken?“, fragte er.

Frau Klee öffnete eine kleine Metallkassette. Innen war ein Fach, ausgelegt mit dunklem Samt. „Wir bewahren ihn auf. Für den nächsten, der mutig genug ist, Nein zu sagen.“

Noah legte den Flakon hinein. Der goldene Staub glitzerte ein letztes Mal, als würde er „verstanden“ sagen.

Dann nahm Noah den Kompass und stellte ihn auf den Tisch. Ganz bewusst. Nicht wie ein Kind, das etwas fallen lässt, sondern wie jemand, der etwas abschließt.

Mira setzte sich daneben und tippte leicht gegen das Glas. „Und wohin zeigt er jetzt?“

Noah beobachtete die Nadel. Sie drehte sich, zögerte – und blieb dann ruhig stehen. Nicht auf eine Richtung, sondern genau zwischen ihnen, als würde sie sagen: zusammen.

Noah atmete aus. „Er zeigt dahin, wo wir als Nächstes kreativ sein müssen.“

Frau Klee schob den Atlas zurück ins Regal. „Und jetzt“, sagte sie, „solltet ihr wirklich mal Mathe machen. Nur zur Sicherheit.“

Mira stöhnte. „Das ist die gefährlichste Aufgabe von allen.“

Noah lachte – und während der Kompass auf dem Tisch lag, still und bereit, fühlte sich die Bibliothek an, als hätte sie ein Geheimnis weniger und eine Hoffnung mehr.

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Krakeliger Schrift
Eine unordentliche, kratzige Handschrift, die schwer zu lesen ist
Eingraviert
In Metall oder Stein eingeritzt, so dass es fest bleibt
Den Stillen Funken
Name für einen besonderen, geheimen Schatz in der Geschichte
Der Stille Funke
Ein anderer Name für denselben besonderen, geheimen Schatz
Güterschuppen
Ein großes Lagerhaus am Bahnhof für Waren und Kisten
Käfig
Ein Gitterbehälter, in dem ein Tier gefangen sein kann
Schacht
Ein schmaler, vertikaler Gang oder eine Öffnung im Boden
Schimmerte
Leise leuchtete oder leichtes Glitzern zeigte
Kreide
Weiches, bröseliges Malstück, mit dem man auf Stein schreibt
Tunnel
Ein langer, unterirdischer Gang, durch den man gehen kann

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