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Geschichte über den Krieg 11/12 Jahre Lesen 14 min.

Der Schutzraum: Lenas Mut, zuzuhören

In einer Schulgeschichte lernen Lena und ihre Freund*innen, wie man einen Schutzraum schafft, indem sie zuhören, Regeln aufstellen und neue Mitschüler willkommen heißen.

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Ein 12-jähriges Mädchen mit hellbraunem Bob, grünen besorgten aber fürsorglichen Augen, blauer Jacke und zu großem Rucksack hält sanft ein großes farbiges Poster mit der Aufschrift HIER WIRD ZUGEHÖRT und blickt mit schüchternem, beschützendem Lächeln auf die neue Schülerin; eine etwa 11-jährige Daria mit glatten schwarzen Haaren und olivem Teint sitzt neben ihr auf einer Bank, wirkt reserviert aber erleichtert, berührt mit zwei Fingern die Ecke des Posters und trägt einen schweren Rucksack; ein etwa 12-jähriger Junge, Jannis, mit zerzaustem blondem Haar steht etwas zurück, errötet und hebt beschwichtigend die Hände; eine Lehrerin mit grauem Dutt steht aufmerksam bei der Klassentür und hält einen Ordner; Schauplatz ist ein heller Schulflur mit pastellfarbenen Wänden, bunten Spinden, Postern und einem auf Kinderhöhe aufgehängten Plakat, heller Kachelfußboden und warmes Fensterlicht; zentrale, ruhige, mitfühlende Szene, in der das Poster als Zeichen von Aufnahme und Solidarität gezeigt wird, mit sanfter Gestik, beruhigten Gesichtsausdrücken und einer weichen, warmen Farbpalette. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Lenas besondere Art zuzuhören

Lena war elf und konnte etwas, das viele Erwachsene erst spät lernen: lange zuhören, ohne gleich zu unterbrechen. In der Schule saß sie oft am Fensterplatz. Nicht weil sie träumte, sondern weil sie dort Gesichter sehen konnte. Wenn jemand nervös war, merkte sie es an den Händen. Wenn jemand sauer war, an den Schultern.

In der großen Pause stand sie mit ihrer Freundin Maja am Fahrradständer. Maja redete schnell, wie ein Radio, das man nicht ausstellt.

„Meine Mutter sagt, im Fernsehen reden sie schon wieder über Krieg“, platzte es aus Maja heraus. „Das ist doch weit weg, oder? Warum reden alle so ernst?“

Lena nickte langsam. „Weil Krieg nicht nur weit weg ist. Er kommt in Nachrichten, in Gespräche, manchmal sogar in Menschen.“

Maja schaute sie an, als hätte Lena gerade ein Rätsel hingeworfen. „Aber was ist Krieg genau? Nur Soldaten?“

Lena wollte antworten, doch da klingelte die Pausenglocke. Sie nahm Majas Frage mit, als würde sie sie vorsichtig in die Jackentasche stecken.

Im Klassenzimmer war es ungewöhnlich still. Frau König, die Klassenlehrerin, stand vorne und hielt einen Brief in der Hand. „Bevor wir anfangen“, sagte sie ruhig, „müssen wir über etwas Wichtiges sprechen.“

Lena spürte, wie sich alle ein kleines bisschen nach vorn lehnten. Sie hörte. Richtig.

Kapitel 2: Worte, die schwerer sind als Rucksäcke

Frau König legte den Brief auf den Tisch. „In unserer Stadt kommen bald Familien an, die aus einem Land fliehen mussten, in dem Krieg ist. Manche Kinder werden vielleicht zu uns an die Schule kommen.“

Ein paar Köpfe schossen hoch. Jannis flüsterte: „Heißt das… die bringen den Krieg mit?“

Frau König hob eine Hand. „Nein. Krieg ist ein Konflikt, bei dem Menschen Gewalt benutzen, statt zu verhandeln. Die Kinder bringen nicht Krieg mit. Sie bringen ihre Geschichte mit. Und sie brauchen Sicherheit.“

Lena sah, wie Jannis rot wurde und auf sein Heft starrte. Sie sagte nichts. Sie merkte sich das Wort: Sicherheit.

Frau König nahm einen Stift und schrieb an die Tafel: KONFLIKT. Darunter: DIALOG. HILFE. SOLIDARITÄT.

„Konflikte gibt es auch im Kleinen“, erklärte sie. „Wenn zwei sich streiten und keiner zuhört. Krieg ist wie ein Streit, der so groß wird, dass er Häuser, Schulen und Familien zerreißt. Das klingt hart, aber wir müssen verstehen, warum Menschen fliehen.“

Maja hob die Hand. „Und was können wir machen? Wir sind doch nur Kinder.“

Frau König lächelte kurz, nicht fröhlich, eher ermutigend. „Kinder können viel. Ihr könnt freundlich sein. Ihr könnt teilen. Ihr könnt zuhören. Und unsere Schule wird etwas Besonderes: ein schulisches Schutz…“ Sie suchte kurz nach dem richtigen Wort. „…ein Schulsanctuary. Auf Deutsch sagt man oft: schulisches Schutzgebiet oder Schutzraum. Ein Ort, an dem niemand Angst haben muss.“

Lena runzelte die Stirn. „Sanctuary… ist das wie ein Heiligtum?“

„Gute Frage“, sagte Frau König. „Nicht religiös gemeint. Es bedeutet: ein sicherer Ort. Ein Ort, der sagt: Hier gilt Frieden. Hier gelten Regeln der Fairness. Hier werden Menschen geschützt.“

Die Klasse schwieg. Lena hörte das Kratzen von Stiften, das leise Schnauben von jemandem mit Schnupfen. Und sie hörte, wie das neue Wort in ihrem Kopf landete: Sanctuary.

Kapitel 3: Das Plakat, das nicht schreien musste

Am Nachmittag traf sich die Klasse im Kunstraum. Es roch nach Papier und Kleber. Frau König stellte Kartons hin. „Wir gestalten ein Plakat für den Eingang“, sagte sie. „Damit alle sehen: Das ist ein Schutzraum. Und damit wir uns selbst daran erinnern.“

Jannis nahm einen Filzstift und murmelte: „Was soll da drauf? ‘Keine Angst'?“

Maja kicherte leise. „Oder ‘Bitte Schuhe ausziehen' wie bei Oma?“

Lena musste kurz lachen. Dann wurde sie ernst. „Vielleicht etwas, das nicht wie ein Befehl klingt. Eher wie ein Versprechen.“

Sie setzte sich mit Maja und Jannis an einen Tisch. Lena zeichnete eine einfache Tür. Nicht riesig, nicht prunkvoll. Eine normale Schultür. Daneben schrieb sie: HIER WIRD ZUGEHÖRT.

„Das ist doch langweilig“, meinte Jannis, aber nicht gemein.

„Ist es nicht“, sagte Lena. „Zuhören ist wie eine Taschenlampe. Man sieht mehr. Und man stolpert weniger.“

Maja beugte sich vor. „Dann schreibe ich noch: FRAGEN SIND ERLAUBT.“

Jannis hielt inne, dann nickte er. „Und: WIR HELFEN EINANDER.“

Sie arbeiteten konzentriert. Zwischendurch erzählte Frau König an einem anderen Tisch, wie ein Konflikt in der Welt entstehen kann: „Wenn Gruppen um Land streiten, um Macht, um Geld. Wenn manche Menschen glauben, nur sie hätten recht. Wenn niemand mehr zuhört.“ Sie sagte es so, dass es verständlich blieb. Ohne schlimme Bilder. Aber klar.

Lena hörte auch die leisen Nebengeräusche: das Schieben von Stühlen, das Rascheln von Papier, ein Seufzen. Es war wie ein kleiner Beweis: Die Welt ist voller Geräusche, aber man kann trotzdem zuhören.

Als das Plakat fertig war, betrachteten sie es. Es war bunt, aber nicht grell. Es wirkte ruhig. Wie ein tiefer Atemzug.

„Sanctuary“, flüsterte Maja und probierte das Wort aus, als wäre es ein neues Bonbon. „Also: Schutzraum.“

Lena nickte. „Und wir sind mit dafür verantwortlich.“

Kapitel 4: Ein neuer Platz im Klassenraum

Eine Woche später stand Frau König wieder vorne. Neben ihr war ein Mädchen mit dunklen Haaren und einem Rucksack, der viel zu schwer wirkte. Das Mädchen hielt beide Träger fest, als könnten sie weglaufen.

„Das ist Daria“, sagte Frau König. „Sie ist elf. Sie war in einer anderen Schule, in einem anderen Land. Jetzt ist sie hier.“

Daria blickte kurz auf und wieder runter. Ihre Augen wanderten durch den Raum, als würde sie nach einer sicheren Ecke suchen.

Lena merkte, wie in ihr etwas ganz ruhig wurde. Wie wenn man leiser spricht, damit jemand anderes besser hören kann.

„Du kannst neben Lena sitzen“, schlug Frau König vor. Lena nickte sofort, ohne zu überlegen. Daria setzte sich, vorsichtig, als wäre der Stuhl nicht ganz vertrauenswürdig.

In der ersten Stunde ging es um Mathematik. Zahlen waren freundlich, weil sie überall ähnlich sind. Trotzdem sah Lena, wie Daria beim Schreiben zögerte. Ihre Hand blieb manchmal in der Luft, als müsste sie erst Erlaubnis holen.

In der Pause nahm Lena ihren Mut zusammen. „Hi“, sagte sie langsam. „Ich bin Lena. Wenn du willst, kann ich dir unsere Schule zeigen.“

Daria schaute sie an. Ein kurzer Blick, dann ein kleines Nicken.

Maja kam dazu und sagte, etwas zu laut: „Wir haben ein Plakat! Für Sanctuary! Also Schutzraum!“

Daria verstand offenbar nicht alles, aber sie verstand den Ton. Sie lächelte winzig.

Auf dem Weg durch den Flur zeigte Lena ihr die Bibliothek. „Hier kann man in Ruhe lesen“, erklärte sie. „Und hier ist der Sanitätsraum. Und dort hinten ist unser Eingang. Da hängt das Plakat.“

Daria blieb stehen und las die Worte langsam. HIER WIRD ZUGEHÖRT. FRAGEN SIND ERLAUBT. WIR HELFEN EINANDER.

Sie berührte das Papier mit zwei Fingern, ganz leicht, als würde sie prüfen, ob es echt ist.

„Das bedeutet… sicher?“, fragte sie mit Akzent.

„Es bedeutet“, antwortete Lena, „dass wir versuchen, fair zu sein. Dass wir Streit nicht größer machen. Und dass wir dir Zeit geben.“

Daria atmete aus. Es klang, als hätte sie die Luft lange festgehalten.

Kapitel 5: Ein Streit und eine stille Technik

Am nächsten Tag passierte etwas, das Frau König wahrscheinlich „Lernmoment“ genannt hätte. In Sport sollten Teams für Basketball gebildet werden. Jannis rief: „Daria kann bestimmt nicht richtig spielen, die kennt das doch gar nicht!“

Es war nicht böse gemeint, eher unsicher. Trotzdem traf es wie ein kleiner Stein, der gegen ein Fenster klackt.

Daria erstarrte. Ihr Gesicht wurde glatt, fast ohne Ausdruck.

Maja fauchte: „Jannis, echt jetzt?“

Jannis hob die Hände. „War doch nur—“

Lena stellte sich nicht dazwischen wie ein Schutzschild. Sie stellte sich daneben, wie eine Brücke. „Stopp“, sagte sie ruhig. „Das ist ein guter Moment für unsere Sanctuary-Regel.“

„Welche Regel?“ Jannis wirkte plötzlich klein.

Lena zeigte auf ihre eigene Brust und dann auf Daria. „Erst zuhören. Dann reden.“

Frau König kam näher. „Lena hat recht. Wir üben das jetzt.“ Sie schaute Jannis an. „Du sagst, was du meinst. Aber ohne zu raten, was Daria kann oder nicht kann.“

Jannis schluckte. „Ich… ich wusste nicht, ob sie Basketball kennt. Ich wollte nicht, dass unser Team verliert.“

Daria sagte leise: „Ich habe gespielt. In Schule. Früher.“

Jannis blinzelte. „Oh. Okay. Tut mir leid.“

„Entschuldigung angenommen“, sagte Daria, und ihr Mundwinkel zuckte. „Aber ich bin nicht Profi.“

Maja grinste. „Sind wir auch nicht. Ich treffe den Korb manchmal aus Versehen.“

Alle lachten, sogar Jannis. Das Lachen war nicht laut, eher erleichtert. Als wäre ein Knoten gelöst worden.

Später, als Lena und Daria nebeneinander auf der Bank saßen, fragte Daria: „Du hörst viel. Warum?“

Lena zuckte mit den Schultern. „Weil ich dann verstehe, was wirklich los ist. Und weil man sich weniger streitet, wenn jemand wirklich zuhört.“

Daria nickte. „In Krieg… viele schreien. Keiner hört.“

Lena wusste kurz nicht, was sie sagen sollte. Also tat sie das, was sie konnte: Sie ließ Daria ausreden. Und sie blieb einfach da.

Kapitel 6: Gerechtigkeit, die man üben kann

Im Klassenrat am Freitag stand „Sanctuary“ als Punkt auf der Tagesordnung. Frau König setzte sich mit ihnen in den Stuhlkreis. „Ein Schutzraum ist nicht nur ein Schild“, sagte sie. „Es ist Verhalten.“

Maja meldete sich. „Dann brauchen wir klare Regeln. Für alle. Sonst ist es unfair.“

„Genau“, sagte Frau König. „Gerechtigkeit heißt: gleiche Würde für alle. Manchmal auch: besondere Hilfe für jemanden, der gerade weniger Halt hat.“

Jannis hob die Hand. „Heißt das, Daria bekommt immer Extras?“

Daria schaute auf ihre Schuhe.

Lena atmete ein. „Es heißt, dass wir gucken, was jemand braucht. Wenn du dir das Knie aufschlägst, bekommst du auch ein Pflaster. Nicht, weil du besser bist, sondern weil du es gerade brauchst.“

Jannis überlegte und nickte dann langsam. „Okay. Das ergibt Sinn.“

Sie schrieben Regeln auf ein großes Blatt:

— Wir sprechen respektvoll.

— Wir fragen, bevor wir urteilen.

— Wir lassen Menschen ausreden.

— Wir helfen beim Übersetzen, wenn Worte fehlen.

— Wir lösen Konflikte mit Gespräch, nicht mit Druck.

Daria meldete sich zögernd. „Und… wenn jemand traurig ist?“

Frau König antwortete: „Dann darf man traurig sein. Und jemand anderes darf daneben sitzen. Ohne tausend Fragen.“

Lena spürte, wie ihr das gefiel. Es war wie ein Werkzeugkasten: nicht kompliziert, aber nützlich.

Am Ende sagte Frau König: „In der Welt können wir nicht alles stoppen. Aber wir können üben, wie Frieden im Kleinen geht. Das ist nicht naiv. Das ist Training.“

Maja flüsterte zu Lena: „Friedenstraining klingt wie Sport, nur ohne Schwitzen.“

Lena grinste. „Doch, manchmal schwitzt man. Vor Mut.“

Kapitel 7: Der Moment, in dem alle still wurden

Ein paar Tage später stand im Eingangsbereich ein kleiner Tisch. Darauf lag ein Buch mit leeren Seiten. Daneben ein Stift. Frau König erklärte: „Wer möchte, kann einen Satz schreiben. Für Menschen, die gerade Krieg erleben. Oder für jemanden, der geflohen ist. Oder einfach für unser Versprechen als Schutzraum.“

In der Pause gingen viele vorbei. Manche schrieben schnell. Manche schauten nur.

Lena blieb stehen. Daria stand neben ihr. Jannis und Maja kamen dazu. Es war voll, aber es drängelte niemand.

„Was schreibt man da?“ fragte Jannis leise.

„Etwas Ehrliches“, sagte Lena.

Daria nahm den Stift. Ihre Hand zitterte kurz. Dann schrieb sie langsam, mit sorgfältigen Buchstaben. Lena konnte nur Teile lesen, weil Daria ein paar Wörter in ihrer Sprache ergänzte. Aber der Sinn war klar: Danke. Ich bin hier sicher.

Maja schrieb darunter: Wir teilen unsere Pausen und unsere Wörter.

Jannis schrieb: Ich frage erst, bevor ich etwas annehme.

Lena schrieb zuletzt: Gerechtigkeit beginnt da, wo wir einander als Menschen sehen.

Als sie den Stift zurücklegten, sagte Frau König: „Heute machen wir noch etwas. Eine Minute Stille. Nicht weil wir keine Antworten haben, sondern weil wir Respekt zeigen. Für alle, die Frieden vermissen. Und für alle, die ihn suchen.“

Die Schulglocke klingelte nicht. Im Flur rief niemand. Sogar die Schritte wurden leiser, als hätten sie das verstanden.

Lena stand mit den anderen da. Sie hörte ihren eigenen Atem. Sie hörte nichts, was Angst machte. Nur eine geteilte, ruhige Stille. Und sie hielt sie aus, wie man eine Tür offen hält.

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KONFLIKT
Ein Streit oder Problem zwischen Menschen oder Gruppen, oft mit starken Gefühlen.
DIALOG
Ein Gespräch zwischen zwei oder mehr Personen, um etwas zu klären.
HILFE
Wenn jemand Unterstützung oder Beistand bekommt, weil er es braucht.
SOLIDARITÄT
Gemeinsam füreinander einstehen und sich gegenseitig unterstützen.
Schulisches Schutzgebiet
Ein Ort in der Schule, wo sich alle sicher und geschützt fühlen sollen.
Schutzraum
Ein sicherer Platz, an dem man ohne Angst sein darf.
Sanctuary
Ein fremdes Wort für einen sicheren Ort, ähnlich wie Schutzraum.
Gerechtigkeit
Wenn Menschen fair und gleich behandelt werden.
Fairness
Ein faires Verhalten, bei dem alle gleiche Chancen bekommen.
Konflikt
Ein Streit oder Problem, das durch reden oder Regeln gelöst werden kann.

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