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Geschichte über den Frühling 11/12 Jahre Lesen 13 min.

Der Narzissenhang und Leos kleines Frühlingsversprechen

Leo entdeckt den Frühling mit seiner kleinen Ringelblume, besucht mit Mira einen Narzissenhang und lernt dabei, wie wichtig es ist, Natur und gemeinsame Räume zu achten.

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Zwölfjähriger Leo, rundes Gesicht mit Sommersprossen, zerzaustes kastanienbraunes Haar, fröhlich-konzentriert, kniet am Rand eines Feldes heller gelber Narzissen und hebt mit einer Hand einen verschmutzten Plastikbecher auf, in der anderen hält er ein kleines Ringelblumenpäotchen; etwa 13-jährige Mira mit schwarzer Pferdeschwanzfrisur und bunter Jacke lächelt schelmisch-respektvoll, lehnt sich neben Leo und reicht eine kleine Tüte für den Müll, leicht hinten rechts von ihm. Schauplatz: waldbewachsener Hügel mit feuchtem, braunlaubigem Boden, blassem Himmel und schlanken Baumstämmen im Hintergrund, ein „Meer“ leuchtender Narzissen. Szene: Die Kinder säubern behutsam das Narzissenfeld; starker Kontrast zwischen klebrigem Plastik und strahlend gelben Blumen, weiches Morgenlicht, lange Schatten, satte Farben, deutliche Texturen von nasser Erde, seidenen Blütenblättern und glänzendem Plastik. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der erste warme Morgen

Als Leo an diesem Samstag die Augen aufschlug, war das Licht anders als noch vor ein paar Wochen. Es fiel nicht grau und müde ins Zimmer, sondern hell und freundlich, als hätte jemand die Sonne frisch gewaschen.

Er schob das Fenster einen Spalt auf. Kühle Luft kam herein, aber sie roch nicht mehr nach Winter. Sie roch nach nasser Erde, nach Holz und ganz leise nach etwas Grünem, das sich traute.

„Frühling“, murmelte Leo und grinste.

Auf seiner Fensterbank stand ein kleiner Topf mit einer winzigen Pflanze. Leo hatte sie vor drei Tagen in der Schule bekommen, im Biounterricht. Ein Samenkorn, ein bisschen Erde, ein Etikett mit dem Namen: „Ringelblume“.

Neben dem Topf lag die kleine Gießkanne aus Plastik, die eigentlich für Leos jüngere Cousine gedacht war. Leo fand, sie passte trotzdem gut. Er füllte sie im Bad und goss vorsichtig, bis die Erde dunkel und glänzend wurde.

„Jeden Tag ein bisschen“, hatte Frau Kranz gesagt. „Nicht ertränken, aber auch nicht vergessen.“

Leo beugte sich so nah heran, dass seine Haare fast die Erde berührten. „Na los“, flüsterte er. „Du schaffst das.“

Unten in der Küche klapperte Geschirr. Seine Mutter rief: „Frühstück! Und zieh dir was über, draußen ist's noch frisch!“

Leo nahm den Topf in beide Hände, als wäre er etwas sehr Kostbares, und stellte ihn wieder genau an seinen Platz, wo die Sonne am Vormittag hinkam. Dann ging er hinunter, mit dem Gefühl, dass heute ein Tag war, an dem etwas beginnt.

Kapitel 2: Der Weg in den Wald

Nach dem Frühstück holte Leo sein Fahrrad aus dem Keller. Das Metall fühlte sich kalt an, aber der Sattel war schon nicht mehr eisig. Das war für Leo ein echtes Zeichen: Der Winter ließ langsam los.

Im Hof traf er seine Nachbarin Mira. Sie war ein Jahr älter und trug eine dünne Mütze, die sie mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit aufhatte.

„Du bist früh unterwegs“, sagte Mira und schob ihr Rad neben seins.

„Ich will in den Wald“, antwortete Leo. „Papa hat gesagt, dort blühen jetzt die ersten Narzissen.

Mira hob die Augenbrauen. „Im Wald? Narzissen? Die sind doch eher im Garten.“

„Nicht diese“, sagte Leo und fühlte sich plötzlich wie ein Entdecker. „Es gibt da eine Stelle, hat Papa gesagt. Ein ganzer Hang.“

Mira lächelte. „Dann komm. Aber langsam. Ich will nicht wieder sehen, wie du fast in eine Pfütze fliegst.“

„Das war Absicht“, behauptete Leo. „Ich habe die Schwerkraft getestet.“

Sie fuhren los. Die Straßen waren noch nass vom Regen der Nacht. Überall glitzerten kleine Tropfen auf den Hecken, und aus einem Gully stieg ein Geruch auf, der nicht besonders schön war, aber irgendwie auch dazugehörte: Stadt nach Regen.

Am Rand des Parks standen Menschen mit Hunden, und ein Mann fegte den Gehweg vor einem Laden. Leo sah, wie eine zerknüllte Chipstüte in der Ecke lag.

Mira stoppte. „Das ist doch nervig. Der Wind weht's überall hin.“

Leo nickte. „Gemeinsame Wege sind… na ja, für alle.“

Mira grinste. „Das hast du geklaut. Das sagt Frau Kranz.“

„Vielleicht“, gab Leo zu. Dann bückte er sich, hob die Tüte auf und warf sie in den nächsten Mülleimer. Das Rascheln klang überraschend laut.

„Gute Tat vor dem Wald“, sagte Mira.

„Damit der Wald später nicht denkt, wir wären auch so“, meinte Leo.

Sie fuhren weiter. Je näher sie dem Wald kamen, desto weniger Autos hörten sie. Stattdessen hörten sie das Klopfen eines Spechts und das leise Schmatzen der Reifen auf feuchtem Boden.

Kapitel 3: Narzissen wie kleine Sonnen

Der Wald empfing sie mit einem Geruch, den Leo jedes Jahr aufs Neue vergessen und dann sofort wiedererkennen konnte: feuchte Blätter, Pilze, Moos. Der Boden war weich, als würde man über einen Teppich laufen, der aus tausend alten Geschichten besteht.

„Hier entlang“, sagte Mira und zeigte auf einen schmalen Pfad. Die Äste über ihnen waren noch nicht dicht, aber an den Spitzen saßen Knospen, prall wie kleine, grüne Murmeln.

Sie gingen zu Fuß weiter, weil der Weg zu wurzelig für Fahrräder war. Leo spürte die Kälte durch die Sohlen, aber darüber lag diese aufgeregte Wärme, die aus dem Bauch kommt, wenn man etwas sucht.

Dann blieb Mira stehen. „Wow.“

Leo folgte ihrem Blick – und musste auch stehen bleiben.

Am Hang, zwischen braunem Laub und hellgrünem Gras, leuchteten Narzissen. Nicht nur ein paar. Hunderte. Ihre gelben Köpfe sahen aus wie kleine Sonnen, die aus der Erde geklettert waren, um zu schauen, ob der Frühling wirklich da ist.

„Das ist…“, begann Leo.

„…wie ein Fest“, beendete Mira.

Ein leichter Wind strich durch die Blüten, und sie wackelten, als würden sie einander etwas zuflüstern. Leo ging langsam näher, ohne auf die Pflanzen zu treten. Er setzte den Fuß vorsichtig zwischen die Stängel, als wäre der Boden ein Spiel aus „Der Boden ist Lava“, nur dass die Lava diesmal Leben war.

„Nicht anfassen?“, fragte Mira leise.

Leo schüttelte den Kopf. „Gucken ist okay. Riechen vielleicht auch. Aber kaputt machen? Niemals.“

Sie knieten am Rand des Blütenmeers. Leo atmete ein. Der Duft war sanft, nicht wie Parfum, eher wie frische Luft, die eine Idee von Süße mitbringt.

Mira stupste ihn an. „Du siehst aus, als würdest du gleich ein Gedicht schreiben.“

„Ich könnte“, sagte Leo. „Titel: ‘Gelb'.“

„Sehr mutig“, lachte Mira.

Ein paar Meter weiter lag ein umgekippter Becher und daneben ein zerbrochener Plastikdeckel. Leo runzelte die Stirn. Der Wald wirkte plötzlich, als hätte jemand mitten ins Bild gekritzelt.

„Sollen wir…?“, begann Mira.

Leo war schon aufgestanden. „Ja.“

Sie sammelten den Müll ein. Der Becher war klebrig und roch nach altem Saft. Leo verzog das Gesicht. „Igitt. Wer trinkt das und denkt dann: Ach, Wald kann's behalten?“

Mira hielt den Deckel hoch. „Manchmal denken Leute nicht. Oder sie denken: Ist doch nur ein bisschen.“

Leo steckte alles in eine kleine Tüte, die Mira dabei hatte, weil Mira immer „für alle Fälle“ dachte. „Es ist unser Wald“, sagte Leo. „Also auch unsere Verantwortung.“

Mira nickte. „Und die Narzissen haben keine Hände.“

Leo schaute noch einmal über das gelbe Leuchten. Es fühlte sich gut an, dass sie den Hang wieder so aussahen ließen, wie er sein sollte: ruhig, sauber, lebendig.

Kapitel 4: Der kleine Gärtner zu Hause

Am Nachmittag war Leo wieder in seinem Zimmer. Er stellte seine Schuhe in den Flur, damit kein Waldmatsch auf dem Teppich landete. Seine Mutter hob den Daumen. „Danke. Der Teppich bedankt sich auch.“

Leo lachte und ging direkt zum Fenster. Der Ringelblumentopf stand da wie am Morgen. Die Erde war schon heller geworden.

Er holte die Gießkanne. Das Wasser plätscherte leise, und Leo goss langsam. Er stellte sich vor, wie das Wasser durch die Erde wandert, kleine Wege sucht, Körnchen berührt und schließlich die Wurzel findet, als wäre es ein Briefträger.

„Heute warst du nicht allein“, erzählte Leo der Pflanze. „Ich habe Narzissen gesehen. So viele, dass ich fast vergessen habe zu blinzeln.“

Natürlich antwortete die Pflanze nicht. Aber Leo fand, sie sah ein bisschen aufrechter aus als gestern. Vielleicht bildete er sich das ein. Vielleicht war es auch echt. Beides war irgendwie schön.

Beim Abendessen erzählte er seinen Eltern vom gelben Hang.

„Und?“, fragte sein Vater. „Wie war's?“

„Wie eine Lampe, die jemand im Wald angemacht hat“, sagte Leo. „Und wir haben Müll eingesammelt, damit es nicht aussieht wie… na ja, wie ein Parkplatz.“

Seine Mutter nickte. „Das ist Respekt. Für die Natur und für die Menschen, die nach euch kommen.“

Leo kaute und dachte daran, wie der klebrige Becher in seiner Hand gewesen war. Eklig, aber auch: machbar. Man musste nur anfangen.

Später schrieb Leo in sein Heft, das er „Jahreszeitenbuch“ nannte, obwohl er es erst seit Januar hatte:

„Frühling fühlt sich an wie ein Versprechen. Man muss nur hinsehen.“

Kapitel 5: Eine Idee für den Hausflur

In den nächsten Tagen wurde es jeden Morgen ein bisschen heller. Leo goss seine Pflanze täglich, manchmal mit verschlafenen Augen, manchmal schon mit einem Lied im Kopf. Einmal entdeckte er, dass ein winziger grüner Punkt aus der Erde schaute.

„Mira!“, rief er am Nachmittag durchs Treppenhaus, als er sie hörte. „Sie kommt!“

Mira kam die Stufen hoch, zwei auf einmal. „Wer kommt? Ein Alien?“

Leo hielt ihr den Topf hin. „Meine Ringelblume. Sie ist da! Schau!“

Mira beugte sich vor. „Das ist ja wirklich winzig. Wie ein Mini-Monster, das ‘Hallo' sagt.“

„Ein freundliches Monster“, sagte Leo.

Sie standen im Hausflur. Dort roch es nach Putzmittel und ein bisschen nach den Fahrrädern im Keller. Neben den Briefkästen lag wieder Papier: Werbung, die jemand aus dem Kasten gezogen und fallen lassen hatte.

Mira seufzte. „Jeden zweiten Tag liegt hier was.“

Leo schaute das Papier an, dann auf seine Pflanze, dann wieder auf den Flur. „Weißt du was? Wir könnten was machen.“

„Was denn?“, fragte Mira.

Leo überlegte. Er wollte nicht wie ein besserwisserischer Erwachsener klingen, aber auch nicht so tun, als wäre es egal. „Ein Schild. Freundlich. So ein… Erinnerungsschild.“

Mira grinste. „Mit einem Gedicht? Titel: ‘Papier'.“

Leo stöhnte gespielt. „Sehr witzig. Aber ja. Vielleicht. Oder einfach: ‘Bitte haltet unseren Flur sauber. Danke!'“

„Und ein kleines Bild dazu“, schlug Mira vor. „Eine Blume oder so. Damit's nett aussieht.“

Sie setzten sich später mit Filzstiften an den Küchentisch. Leo malte eine Narzisse, Mira eine Ringelblume, die eher wie eine Sonne mit vielen Strahlen aussah.

Unter das Bild schrieben sie:

„Gemeinsamer Flur – gemeinsame Verantwortung.

Bitte nichts fallen lassen. Danke!“

Am nächsten Tag hängten sie das Schild auf Augenhöhe neben die Briefkästen. Leo trat einen Schritt zurück. Es war bunt, aber nicht zu grell. Es sah aus, als würde es dazugehören.

Ein paar Tage später lag weniger Papier herum. Nicht gar nichts, aber weniger. Ein Nachbar, der sonst immer sehr schnell an ihnen vorbeiging, blieb stehen und las. Dann nickte er Leo kurz zu.

Leo spürte ein kleines, warmes Ziehen in der Brust. Es war kein großer Applaus. Eher so, als hätte jemand leise „Gut gemacht“ gesagt.

Kapitel 6: Der Duft, der bleibt

An einem Abend, als der Himmel draußen noch lange hell war, öffnete Leo sein Fenster ganz. Von irgendwoher kam ein Vogelruf, klar wie ein Pfiff. Im Hof hörte man leises Lachen und das Klacken eines Basketballs.

Leo goss seine Ringelblume. Der kleine grüne Trieb war inzwischen höher, mit zwei winzigen Blättern, die aussahen wie aufgeklappte Ohren.

„Du wächst“, sagte Leo. „So wie ich, glaube ich.“

Er dachte an den Waldhang, an das Gelb, an das Rascheln des Laubs. Er dachte auch an den Müllbecher und daran, wie schnell ein schöner Ort unordentlich wirken kann, wenn man ihn behandelt, als wäre er niemandem wichtig.

Leo setzte sich aufs Bett. Die Decke war warm, und seine Füße waren angenehm müde. Seine Mutter klopfte kurz an die Tür. „Alles okay?“

„Ja“, sagte Leo. „Ich hab nur… an den Frühling gedacht.“

Sie lächelte. „Der ist eine gute Sache zum Drandenken.“

Als das Licht im Zimmer aus war, blieb das Fenster einen Spalt offen. Luft strich hinein, kühl und weich. Leo schloss die Augen und stellte sich vor, wie die Narzissen im Wald im Abendwind wippten. In seiner Erinnerung war ihr Duft wieder da: frisch, leicht süß, wie ein Geheimnis, das man nur findet, wenn man langsam geht.

Leo lächelte im Dunkeln, ganz ohne Grund und genau deshalb. Und während draußen die Welt leise weiterwuchs, schlief er ein – mit dem Duft einer Blume im Kopf.

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Das Quiz: Hast du die Geschichte gut verstanden?

Ringelblume
Eine gelbe oder orange Blume, die oft im Garten wächst und hübsch aussieht.
Knospen
Kleine, feste Teile an Pflanzen, aus denen später Blätter oder Blüten wachsen.
Gully
Eine Öffnung am Straßenrand, durch die Regenwasser in die Kanalisation fließt.
Schwerkraft
Die Kraft, die alles zur Erde ziehen lässt, so fallen Dinge nach unten.
Wurzelig
Beschreibt einen Boden mit vielen Wurzeln und Unebenheiten, schwer zum Fahren.
Narzissen
Gelbe Frühlingsblumen mit einer trompetenähnlichen Mitte, wie kleine Sonnen.
Umgekippter
Etwas, das umgefallen ist und nicht mehr in seiner normalen Lage steht.
Verschlafenen Augen
Aussehen, als wäre man gerade erst aufgewacht und noch müde.
Etikett
Ein kleines Stück Papier oder Aufkleber mit einem Namen oder einer Info darauf.
Jahreszeitenbuch
Ein Heft, in das man Dinge über Frühling, Sommer, Herbst und Winter schreibt.

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