Teil 1
In einem alten Wald, wo die Bäume flüstern, lebten zwei Kinder. Anna und Ben waren fast vier Jahre alt. Sie hielten sich an der Hand. Die Sonne fiel wie warmes Honiglicht durch die Zweige. Der Wald roch nach Moos und Erde. Es war still und sicher.
Manchmal hörte man Geschichten vom großen, bösen Wolf. Er war dunkel wie Nacht und leise wie Schatten. Doch hier, in diesem Wald, gab es auch Wege mit Steinen. Diese Wege waren wie Linien aus Silber. Der Wolf fürchtete diese Linien. Er mochte sie nicht.
Anna sagte: „Wir gehen den Weg.“ Ben nickte. Ihre Schritte waren klein. Der Weg war klar und freundlich. Er führte zu einer kleinen Hütte. Die Hütte war rund wie ein Herz. Eine alte Frau wünschte ihnen guten Tag. Sie lächelte wie eine warme Decke.
„Geht nur auf dem Weg“, sagte die Frau mit sanfter Stimme. „Der Weg schützt. Der Weg zeigt.“ Anna und Ben hörten zu. Sie spürten Mut in ihrer Brust. Mut ist wie eine Kerze. Klein, aber stark.
Teil 2
Am dritten Tag kam ein Wind auf. Er brachte ein Heulen. „Huuuu“, flüsterte er. Anna und Ben blickten auf. Aus dem Dickicht trat der große, böse Wolf. Er schlich. Seine Augen waren wie zwei dunkle Steine. Doch er blieb am Rand des Weges stehen. Er roch die Steine. Er zitterte.
„Ich will euch“, sagte der Wolf mit rauer Stimme. „Ich will euch fangen.“ Die Kinder hielten sich fester an den Händen. Ihr Herz klopfte wie ein kleiner Trommel. Aber sie standen ruhig.
Anna trat einen Schritt vor. Sie atmete tief. „Wir gehen auf dem Weg“, sagte sie. Ben wiederholte: „Auf dem Weg.“ Die Worte fielen wie kleine Kiesel auf den Boden. Der Wolf knurrte. Er kam nicht weiter. Die Linien des Weges glitzerten im Sonnenlicht. Sie waren stark wie Zäune aus Licht.
Der Wolf wandte sich ab. Er roch die Linien und erinnerte sich an eine alte Furcht. Früher einmal war er verlaufen und die Wege hatten ihm den Ausgang gezeigt. Nun schaute er auf seine Pfoten. Er war groß, aber innen weich wie Watte. Sein Mut war wie ein Blatt im Wind. Er suchte die Straße nicht. Er lebte im Dunkel und fürchtete die Linie.
Die Kinder halfen einander. Sie sagten: „Gemeinsam sind wir stark.“ Sie sangen leise ein Lied. „Schritt für Schritt, Hand in Hand.“ Der Wald hörte zu. Die Bäume neigten sich wie Freunde.
Teil 3
Der Wolf blieb am Rand. Er wimmerte leise. Dann drehte er sich um. Er schlich zurück in den Wald. Er suchte den Schatten. Anna und Ben gingen weiter auf dem Weg. Die Hütte lag wieder vor ihnen. Die alte Frau wartete. Sie gab ihnen warmen Tee. Der Tee roch nach Kamille und Sicherheit.
„Ihr wart mutig“, sagte die Frau. „Mut ist die kleine Kerze in euch.“ Die Kinder lächelten. Sie fühlten sich größer als am Morgen. Die Linie des Weges hatte ihnen geholfen. Sie hatten zusammengehalten. Sie hatten die Furcht gesehen und sie sanft gelassen.
Am Abend legten sich Anna und Ben nebeneinander. Die Decke war weich wie Wolken. Draußen sang der Wald leise. Der Wolf war weit weg. Die Kinder schliefen ein mit dem Bild des Weges im Kopf. Eine Linie, die leuchtet. Eine Kerze, die nie ganz erlischt.
Und so lernten sie: Stärke kommt von innen. Halte die Hand eines Freundes. Geh den Weg, der sicher ist. Und wenn Angst kommt, atme tief. Die Nacht wird freundlich sein.