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Kleine Abenteurer 9/10 Jahre Lesen 20 min.

Das Auge der Suche: Finn und das Geheimnis im Haus

Ein neugieriger Junge entdeckt ein geheimnisvolles Augen-Symbol am Briefkasten und folgt zusammen mit Freunden einer Reihe versteckter Hinweise im Haus und Hof, die ihn zum genaueren Hinschauen und Mutfinden führen.

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Ein etwa 10-jähriger Junge, rundes Gesicht, strubbelige kastanienbraune Haare, neugierige leuchtende Augen und staunender Ausdruck, auf Zehenspitzen greifend nach einem kleinen Paket, das an einem niedrigen Ast eines Apfelbaums hängt, in der linken Hand einen runden Spiegel; seine etwa 12-jährige Schwester mit langen braunen Haaren lächelnd und beschützend, Hände in den Hüften links, hält eine Taschenlampe niedrig und ermutigt; Malik, ebenfalls etwa 10, schwarzes Haar, leicht schiefe Piratenkappe, hockt rechts hinter Gebüsch bereit zu klatschen und hält ein kleines Papierfähnchen; Apfelbaum im Innenhof eines Stadthauses mit dunklen Blättern und einer einzigen roten Frucht, gepflasterter Boden, abgenutzte Holzbank, Büsche und ein Laternenpfahl mit sanftem Schein, Hausflurplakate und Briefkästen im Hintergrund; Momentaufnahme: dynamischer Augenblick, in dem der Junge das Paket erreicht, fokussiertes Licht von Spiegel und Taschenlampe tanzt als Reflex auf den Blättern, Atmosphäre einer sanften Abenteuerstimmung in warmen Pastelltönen (zarte Grüntöne, weiches Rot, gebräuntes Holz) mit Aquarelltextur und weißen Glanzlichtern. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Das Zeichen am Briefkasten

Finn war neun und konnte still sitzen, wenn es spannend wurde. Also fast. An diesem Samstag sollte er eigentlich sein Zimmer aufräumen. Das hatte Mama gesagt. Ganz klar. Ganz langweilig.

Finn schob trotzdem zuerst den Haustürschlüssel in die Jackentasche. „Ich geh nur kurz raus und atme frische Luft“, rief er.

„Frische Luft räumt keine Socken auf!“, rief Mama zurück. Ihre Stimme klang streng, aber ein kleines Lächeln versteckte sich darin.

Draußen roch es nach nassem Asphalt. Es hatte kurz geregnet. Finn hüpfte über Pfützen und blieb vor dem Briefkasten stehen. Da klebte etwas Neues: ein kleiner, runder Aufkleber. Darauf war ein Symbol. Es sah aus wie ein Auge, das gleichzeitig ein Stern sein wollte.

Finn beugte sich näher. „Was bist du denn?“

Da kam Herr Kroll aus dem Erdgeschoss mit seinem Dackel Möhre. Möhre schnüffelte an Finns Schuh und nieste empört.

„Ah, Finn“, sagte Herr Kroll. „Auch schon entdeckt?“

„Das ist neu“, sagte Finn. „Wissen Sie, was das bedeutet?“

Herr Kroll kratzte sich am Kopf. „Keine Ahnung. Vielleicht Werbung. Oder ein Geheimbund der Briefträger.“

„Ein Geheimbund?“, fragte Finn. Seine Augen glänzten.

„Oder die Tauben“, murmelte Herr Kroll und zog Möhre weg. „Die sind zu allem fähig.“

Finn lachte. Dann spürte er dieses Kribbeln, das er immer bekam, wenn etwas Alltägliches plötzlich geheimnisvoll wurde. Ein Symbol am Briefkasten. Ein Auge-Stern. Das wollte er entschlüsseln. Unbedingt.

Er lief hoch, holte sein kleines Notizbuch und einen Bleistift. Im Flur stand seine Schwester Jule, zwölf, mit verschränkten Armen.

„Du willst wieder Detektiv spielen“, sagte sie.

„Nicht spielen“, sagte Finn. „Forschen.“

Jule verdrehte die Augen. „Und was ist diesmal das Rätsel?“

Finn zeichnete das Symbol schnell nach. „Das hier. Am Briefkasten. Es muss etwas bedeuten.“

Jule sah hin. „Sieht aus wie ein müdes Spiegelei.“

„Nein!“, protestierte Finn. „Es ist wichtig.“

„Okay, Forscher Finn.“ Jule grinste. „Dann fang schlau an. Wo tauchen Zeichen sonst noch auf?“

Finn dachte nach. „An Türen. An Straßenschildern. In Büchern.“

„Und auf Sachen, die Leute markieren“, sagte Jule. „Damit sie sie wiederfinden.“

Finn nickte. „Dann finde ich mehr davon.“

„Und räum später dein Zimmer“, rief Mama aus der Küche.

Finn tat so, als hätte er das Wort „Zimmer“ nicht gehört. Er steckte das Notizbuch ein. Sein Herz klopfte wie ein kleiner Trommelwirbel. Eine ganz normale Hauswand hatte gerade eine Geheimtür bekommen. Und Finn hatte den Schlüssel: seine Neugier.

Kapitel 2: Die Spur führt in den Keller

Am Nachmittag roch das Treppenhaus nach Kartoffelsuppe und Waschmittel. Finn ging Stufe für Stufe langsam, damit er an jeder Tür kurz schauen konnte. Nichts. Keine Auge-Sterne. Nur Namensschilder und ein Aufkleber „Bitte keine Werbung“.

Unten beim Keller war es kühler. Die Lampen summten leise. Finn mochte den Keller nicht besonders. Dort klang jedes Geräusch doppelt. Und manchmal knarrte eine Tür, obwohl niemand da war. Trotzdem ging er weiter. Mut war für Finn nicht, keine Angst zu haben. Mut war, die Angst in die Hosentasche zu stecken und trotzdem zu gehen.

An der Wand neben den Kellerverschlägen entdeckte er etwas. Ein kleines Kreidezeichen. Rund. Ein Punkt in der Mitte. Und Strahlen. Nicht ganz wie am Briefkasten, aber ähnlich.

„Aha“, flüsterte Finn.

„Aha was?“ Eine Stimme ließ ihn zusammenzucken.

Frau Derya aus dem dritten Stock stand hinter ihm. Sie trug einen Wäschekorb, der aussah, als hätte er ein eigenes Gewichtstraining gemacht.

Finn hielt sein Notizbuch wie ein Schutzschild. „Äh… ich suche ein Zeichen. Da ist eins.“

Frau Derya beugte sich vor. „Oh. Das hat mein Sohn Malik gestern gemalt. Er hat gesagt, das ist eine ‚Sonnenauge-Station‘.“

„Sonnenauge… Station?“ Finn starrte sie an.

Frau Derya nickte ernst, als wäre das das Normalste der Welt. „Er baut gerade eine Schatzsuche. Für seinen kleinen Cousin. Vielleicht gehört dein Aufkleber auch dazu.“

Finn spürte, wie sein Kopf vor Ideen fast brummte. „Wo ist Malik?“

„Im Hof“, sagte Frau Derya. „Aber er muss gleich Hausaufgaben machen. Malik!“, rief sie in Richtung Treppe. „Ein Forscher sucht dich!“

Kurz darauf kam Malik angerannt. Er war zehn, schnell wie ein Gummiball und trug einen kaputten Piratenhut.

„Du meinst das Zeichen?“, fragte Malik sofort. „Das ist unser ‚Auge der Suche‘.“

„Unser?“, fragte Finn.

Malik zeigte auf seine Hosentasche. Dort steckte ein zusammengefalteter Zettel. „Ich und mein Cousin. Aber ich kann Hilfe gebrauchen. Er findet die Hinweise zu schnell. Ich brauche jemanden, der kluge Verstecke kennt.“

Finn fühlte sich wichtig wie ein Kapitän. „Ich helfe. Aber ich will auch wissen, was das Symbol wirklich bedeutet.“

Malik grinste. „Es bedeutet: Hier beginnt etwas. Und du musst genau hinsehen.“

Finn schrieb das in sein Notizbuch: Auge der Suche = genau hinsehen + Beginn.

„Dann ist der Aufkleber am Briefkasten ein Startpunkt“, sagte Finn.

„Vielleicht“, sagte Malik. „Oder ein falscher Startpunkt. Damit Spione verwirrt werden.“

„Spione?“ Finn musste lachen. „Welche Spione?“

Malik zog eine ernste Piratenmiene. „Die Tauben.“

Finn erinnerte sich an Herrn Kroll. „Das sagen alle!“

Frau Derya schüttelte den Kopf und ging mit ihrer Wäsche weiter. „Nur nicht in den dunklen Ecken verstecken, ja?“

„Versprochen“, sagte Finn schnell. Autonomie war toll, aber nicht, wenn Mama später mit einer Taschenlampe nach ihm suchen musste.

Malik führte Finn in den Hof. Dort waren Fahrräder, Mülltonnen und ein Apfelbaum. Ganz normal. Und doch: Finn sah plötzlich überall mögliche Geheimnisse.

„Das Auge der Suche“, sagte Malik, „passt zu einem Rätsel. Und das Rätsel passt zu einem Ort. Rate mal, welcher?“

Finn sah zum Apfelbaum. Dann zu den Tonnen. Dann zum Fahrradständer. „Der Ort, wo man am meisten übersieht“, sagte Finn langsam.

Malik riss die Augen auf. „Du bist gut. Genau! Und wo übersieht man am meisten?“

Finn zeigte auf die Bank unter dem Busch. „Da, wo man sich hinsetzt und denkt, man sieht alles.“

Unter der Bank klebte ein kleiner Zettel. Finn zog ihn vorsichtig heraus. Darauf stand: „Wenn du das Auge triffst, folge dem Geräusch, das keiner hört.“

Finn las laut. Malik jubelte. „Der nächste Hinweis!“

Finn hielt den Zettel fest. Ein Geräusch, das keiner hört. Das klang wie ein Witz. Oder wie Magie. Oder wie beides.

Kapitel 3: Das Geräusch, das keiner hört

Am Abend saß Finn auf seinem Bett. Das Zimmer war… na ja, halb aufgeräumt. Eine Socke hing wie eine weiße Fahne aus der Schublade. Finn starrte den Hinweis an.

„Geräusch, das keiner hört“, murmelte er. „Wie kann man etwas hören, das keiner hört?“

Jule lehnte im Türrahmen. „Vielleicht ist es kein echtes Geräusch. Vielleicht ist es ein Hinweis auf… irgendwas mit Vibration?“

Finn hob die Augenbrauen. „Du meinst wie beim Handy?“

Jule nickte. „Stell dir vor: Es macht kein ‚pling‘, aber es summt. Das merkt man, wenn man es anfässt.“

Finn sprang auf. „Im Haus gibt's auch Summen! Die Kellertür-Lampe. Oder der Kühlschrank. Oder der Aufzug!“

„Der Aufzug ist gut“, sagte Jule. „Der macht Geräusche, aber manchmal merkt man eher das Zittern.“

Finn schnappte sich seine Jacke. „Kommst du mit?“

Jule grinste. „Nur damit du dich nicht im Aufzug mit den Tauben anlegst.“

Sie gingen in den Flur. Der Aufzug stand da wie eine kleine Metallkiste, die alles wusste. Finn drückte den Knopf. Ein leises Summen kam, fast wie eine Fliege hinter einer Wand.

„Das ist es“, flüsterte Finn.

„Das Geräusch, das keiner hört“, sagte Jule. „Weil es so leise ist.“

Die Tür ging auf. Innen war ein Spiegel. Finn sah sich selbst. Ein Junge mit zerzausten Haaren und einem Notizbuch. Ein Abenteurer, der eigentlich Socken falten sollte.

„Was jetzt?“, fragte Jule.

Finn legte die Hand an die Wand des Aufzugs. Sie vibrierte leicht. Er fühlte die Bewegung wie ein kleines Klopfen.

„Folge dem Geräusch“, sagte Finn. „Also… folge dem Aufzug?“

Sie fuhren in den Keller. Dort war es wieder kühl. Der Aufzug hielt. Finn blieb stehen, lauschte. Nichts. Dann hörte er ein anderes Summen. Ganz schwach. Aus dem Raum mit den Stromzählern.

Jule zog die Nase kraus. „Da dürfen wir nicht rein, oder?“

Finn nickte. „Regeln sind Regeln. Aber wir können schauen, ohne reinzugehen.“

Sie gingen näher. Durch das kleine Fenster in der Tür sah man die Zähler. Und an der Scheibe klebte ein weiterer Aufkleber: das Auge-Stern-Symbol. Darunter ein Pfeil, der nach links zeigte.

„Da!“, flüsterte Finn. „Ein echtes Symbol, nicht Kreide.“

Jule klopfte an die Scheibe. „Und links ist… der Fahrradkeller.“

Finn atmete tief ein. Der Fahrradkeller war dunkel, und es roch nach Gummi und Kettenöl. Finn mochte Gummi nicht. Es erinnerte ihn an Reifenpannen und an das Gefühl, wenn man zu spät bremst.

„Du musst nicht“, sagte Jule leise. Das war das Gute an ihr: Sie konnte nerven und trösten in einem.

„Doch“, sagte Finn. „Ich will es wissen. Und ich kann es. Schritt für Schritt.“

Sie schalteten das Licht ein. Es flackerte kurz, als würde es auch nachdenken. Finn ging zwischen den Fahrrädern durch. Speichen glitzerten wie kleine Schwerter. Ein Helm hing schief wie eine schlafende Schildkröte.

Malik kam plötzlich aus einer Ecke und hielt sich den Mund zu, als wäre er ein Geheimagent. Dann flüsterte er: „Ihr habt den Zähler-Aufkleber gefunden! Stark.“

Finn zuckte zusammen. „Du hast uns erschreckt!“

Malik grinste. „Sorry. Der nächste Hinweis ist hier drin. Aber ich hab ihn so gut versteckt, dass ich ihn selbst fast nicht finde.“

„Das ist… nicht optimal“, sagte Jule trocken.

Finn suchte. Er schaute unter einen Sattel, hinter eine Luftpumpe, neben eine Kiste. Nichts. Dann sah er ein kleines Windrad aus Papier, das an einem Lenker festgeklemmt war. Es drehte sich ganz langsam, obwohl kein Wind war.

„Das Geräusch, das keiner hört“, flüsterte Finn. „Die Luft. Die Bewegung.“

Er beugte sich vor. Hinter dem Windrad klebte ein Zettel.

Finn zog ihn ab und las: „Das Auge der Suche sieht auch im Dunkeln. Nimm Licht, aber kein Feuer. Und finde den Ort, wo Wasser wohnt.“

Jule sah Finn an. „Kein Feuer heißt: keine Kerzen. Taschenlampe.“

Malik nickte begeistert. „Und Wasser wohnt… wo?“

Finn dachte an die Küche. An das Bad. Aber im Haus gab es auch den Waschkeller. Oder den Hof-Brunnen, den keiner benutzte.

„Wir brauchen einen Plan“, sagte Finn. „Und wir machen es sicher. Nur Orte, wo wir dürfen. Und wir sagen Mama Bescheid.“

Jule hob beide Daumen. „Endlich ein vernünftiger Satz.“

Finn rannte hoch, erklärte Mama kurz die „Haus-Schatzsuche mit Symbolen“. Mama seufzte, aber sie hörte zu.

„Ihr bleibt im Haus und im Hof“, sagte sie. „Kein Dach, keine Baustelle. Und wenn ihr merkt, es wird zu spät: heim.“

„Versprochen“, sagte Finn. Er spürte etwas Warmes in der Brust. Autonom sein fühlte sich am besten an, wenn Erwachsene einem vertrauten.

Kapitel 4: Wo Wasser wohnt

Mit Taschenlampen und Notizbuch gingen Finn, Jule und Malik in den Waschkeller. Dort standen Maschinen in einer Reihe, wie große weiße Tiere, die gleich schnaufen würden. Es roch nach Waschpulver und nassen Handtüchern.

„Wasser wohnt hier“, sagte Malik. „Weil hier alles nass werden kann.“

Finn leuchtete mit der Taschenlampe über die Rohre. Sie glitzerten. An einer Stelle war ein kleines, rundes Schildchen mit… dem Symbol. Diesmal war das Auge-Stern ganz sauber aufgedruckt. Und darunter stand: „3 Schritte.“

„Drei Schritte“, sagte Finn. „Wohin?“

Jule leuchtete nach rechts. „Vielleicht in die Richtung, in die das Auge schaut.“

Finn sah genauer. Das Auge-Stern hatte einen kleinen Strahl, der etwas länger war. Wie ein Zeiger. Er zeigte auf einen Besen in der Ecke.

„Da hin“, sagte Finn.

Sie machten drei Schritte. Finn zählte leise: „Eins. Zwei. Drei.“ Er blieb vor einem grauen Eimer stehen. Darin lag ein alter Schwamm.

Malik stöhnte. „Ein Schwamm ist kein Schatz.“

Finn nahm den Schwamm hoch. Er war schwerer, als er aussah. Unter ihm lag etwas Hartes: eine kleine, flache Metalldose.

„Oh!“ Finns Stimme klang wie ein Ploppen.

Jule beugte sich vor. „Mach auf.“

Finn öffnete die Dose. Drinnen lag ein gefaltetes Blatt und ein kleiner, runder Spiegel, so groß wie ein Keks.

Malik flüsterte: „Das ist cool.“

Finn faltete das Blatt auf. Darauf war das Symbol noch einmal gezeichnet, aber diesmal in Teilen, wie ein Puzzle. Daneben stand: „Das Auge ist kein Auge. Es ist eine Frage. Stell sie laut: Was sehe ich, wenn ich anders schaue?“

Finn las den Satz langsam. Er spürte, wie sich etwas in seinem Kopf sortierte. Das Symbol war nicht nur ein Startpunkt. Es war eine Erinnerung: genau hinsehen. Und anders denken.

„Und der Spiegel?“, fragte Jule.

Finn hielt ihn hoch. In dem kleinen Spiegel sah er die Deckenlampe. Sie sah aus wie ein heller Mond.

„Mit dem Spiegel kann man um Ecken schauen“, sagte Finn. „Oder Licht lenken.“

Malik nickte heftig. „Kein Feuer, aber Licht. Das passt!“

Finn drehte den Spiegel. Ein Lichtpunkt tanzte über die Wand. Er kitzelte den Besen, sprang auf den Eimer, huschte auf ein Rohr. Und dann traf er etwas, das Finn vorher nicht bemerkt hatte: eine winzige Markierung, eingeritzt in die Wand. Wieder das Auge-Stern. Und daneben ein Pfeil nach oben.

„Nach oben“, sagte Finn.

Jule verschränkte die Arme. „Nach oben kann vieles bedeuten. Treppe. Oder…“

„Nicht das Dach“, sagte Finn sofort. Er dachte an Mamas Regeln. „Vielleicht nach oben im Alltag. Also… in unsere Wohnung? Oder in den Flur?“

Malik grinste. „Oder hoch zum Apfelbaum!“

Finn überlegte. Das Auge war eine Frage. Was sehe ich, wenn ich anders schaue? Vielleicht war „nach oben“ nicht nur Richtung. Vielleicht war es Perspektive.

„Wir gehen in den Hof“, entschied Finn. „Und schauen nach oben. Aber richtig.“

Sie liefen hinaus. Die Luft war frisch. Der Himmel war schon dunkelblau. Das Treppenhauslicht hinter ihnen machte einen warmen Streifen auf den Boden.

Im Hof standen sie unter dem Apfelbaum. Finn leuchtete hoch. Blätter wackelten. Ein Apfel hing da wie eine rote Laterne.

„Ich sehe nur Äpfel“, sagte Malik.

Finn hielt den Spiegel so, dass das Taschenlampenlicht in die Krone sprang. Ein Lichtpunkt glitt über die Äste. Plötzlich blitzte etwas auf: eine kleine, glänzende Schnur, die von einem Ast herunterhing. Fast unsichtbar.

„Da!“, sagte Finn. „Eine Schnur. Die hätte ich ohne Spiegel nie gesehen.“

Jule nickte anerkennend. „Clever.“

Finn griff nach der Schnur. Sie war an einem kleinen Päckchen befestigt, das zwischen den Blättern hing. Nicht zu hoch. Gerade so, dass Finn es mit einem kleinen Sprung erreichen konnte.

Er sprang. Beim ersten Mal verfehlte er es. Beim zweiten Mal bekam er es zu fassen. Er landete und lachte atemlos.

„Ich bin kein Kletteraffe“, sagte er, „aber ich bin ein Springfrosch.“

Malik klatschte leise. „Und was ist drin?“

Finn öffnete das Päckchen. Darin war ein Umschlag. Und auf dem Umschlag stand: „Für den, der das Zeichen entschlüsseln will.“

Finn schluckte. Das war er.

Kapitel 5: Die Lösung und die stille Minute

Sie setzten sich auf die Bank im Hof. Der Busch raschelte, als würde er mithören. Finn öffnete den Umschlag. Drinnen war eine Karte, handgemalt, mit kleinen Wegen durch das Haus. Und in der Ecke stand eine Erklärung:

„Das Symbol heißt: Auge der Suche. Es bedeutet: Schau genau hin. Schau freundlich hin. Schau mutig hin. Wer es sieht, findet Hinweise, aber auch sich selbst. Der größte Schatz ist, Dinge alleine zu können und trotzdem Hilfe anzunehmen.“

Unten war eine Unterschrift: Malik und Cousin Emre.

Malik kratzte sich am Kopf und grinste schief. „Okay… das hab ich mit Emre geschrieben. Aber ehrlich: Du hast das Symbol besser verstanden als ich.“

Finn legte die Karte neben sich. Er fühlte sich plötzlich ruhig. Nicht wie nach einem gewonnenen Spiel, eher wie nach einem langen Weg, bei dem man merkt: Ich kann mehr, als ich dachte.

Jule stupste ihn an. „Und? Hast du es entschlüsselt?“

Finn sah auf den Aufkleber am Briefkasten, den er in Gedanken immer noch vor sich hatte. „Ja“, sagte er. „Es ist keine Geheimschrift für Tauben. Es ist eine Erinnerung. Wenn ich anders schaue, wird ein normaler Tag ein Abenteuer.“

Malik nickte. „Und du warst mutig im Fahrradkeller.“

Finn zuckte die Schultern. „Ich hatte Angst. Aber ich bin trotzdem gegangen.“

Jule lächelte. „Das zählt doppelt.“

Finn stand auf. „Ich bring die Dose zurück in den Waschkeller, damit Emre sie wiederfinden kann. Und dann räum ich mein Zimmer auf. Wirklich.“

Malik riss die Augen auf. „Wow. Das ist der wahre Schatz.“

Finn lachte. „Nicht übertreiben.“

Sie gingen zusammen zurück ins Haus. Finn legte die Metalldose wieder unter den Schwamm. Er klebte den Zettel ordentlich fest. Alles sollte so sein, wie es war, nur ein bisschen geheimnisvoller.

Als Finn später in seinem Zimmer die Socken sortierte, fühlten sie sich nicht mehr wie Feinde an. Eher wie kleine Puzzleteile. Er schob eine Socke in die Schublade und sagte leise: „Schau anders.“

Bevor er schlafen ging, setzte er sich ans Fenster. Draußen war der Hof still. Der Apfelbaum bewegte sich kaum. Finn dachte an das Symbol, an den Spiegel, an die Schritte. An Mut, der wie eine Taschenlampe war: nicht riesig, aber hell genug für den nächsten Schritt.

„Eine Minute“, flüsterte Finn in die Dunkelheit.

Er schloss die Augen. Er machte eine Minute lang gar nichts. Er hörte nur. Den leisen Wind. Ein fernes Auto. Sein eigenes Atmen.

Und in dieser stillen Minute fühlte sich alles gut an.

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Das Quiz: Hast du die Geschichte gut verstanden?

Entschlüsseln
Ein Geheimnis oder Zeichen lesen und seine Bedeutung verstehen.
Kellerverschlägen
Die kleinen Türen oder Fächer im Keller, hinter denen Sachen liegen.
Treppenhaus
Der Raum mit den Treppen in einem Wohnhaus, den alle benutzen.
Vibration?
Eine leichte Bewegung oder ein Zittern, das man oft mehr fühlt als hört.
Autonomie
Wenn jemand Dinge allein entscheiden oder selbstständig machen kann.
Perspektive
Die Art, wie du etwas ansiehst; ein anderer Blickwinkel.
Vibrierte
Beschreibt, dass etwas kurz und leicht hin und her zitterte.
Stromzählern
Geräte, die messen, wie viel Strom in einer Wohnung verbraucht wird.
Waschkeller
Ein Raum im Haus, wo Waschmaschinen stehen und man Wäsche wäscht.
Auge der Suche
Der Name des Zeichens; es sagt: Schau genau und finde Hinweise.

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